We Love the Crisis!
Antikapitalistischer Workshoptag
Programm

Organisiert von antikapitalistischen und antifaschistischen Gruppen aus Berlin und Potsdam.

Samstag, 5.6.2010
10.30 bis 22 Uhr

SFE (Schule für Erwachsenenbildung)
im Mehringhof (Gneisenaustraße 2a)

ZEITPLAN:

10.30-11.00 Vorstellung der Workshops
Treffpunkt: SFE Mehringhof, Versammlungsraum im 3. OG.

Begrüßung, Vorstellung aller beteiligten Gruppen und der ersten Workshops

11.00-14.00 AG-Phase 1

Workshop 1: fällt aus!
Von Keynes zu Papandreou - Zum Elend etatistischer Krisenverwaltung (Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft)
Die Krise hat das „Abdanken des Nationalstaats“ als Legende linker Etatisten erwiesen. Mit Banken- und Unternehmensrettungen, Konjunkturprogrammen und Abwrackprämien haben die Staaten vielmehr die herrschende Produktionsweise vor sich selbst gerettet. Der Workshop soll zeigen, dass die auf keynesianische Nachfragestimulierung und Verstaatlichung geeichte Linke nur nationale Krisenlösungen befördert. Mit Blick auf Griechenland werden wir die Grenzen der Staatseingriffe ausleuchten und diskutieren, welche Aussichten der große Schlamassel der lohnabhängigen Klasse bietet.

Workshop 2:
Keynes, der Neoliberalismus und Papa Staat – Workshop mit Mathias Wiards und TOP B3rlin
Ist die Krise einmal da, erlebt kapitalistische Wirtschaftspolitik ihre Sternstunden. Hier kann sie medienwirksam nachweisen, dass sie etwas taugt. Und tatsächlich hat der Kapitalismus im Laufe seiner Geschichte einiges an politischen Instrumenten entwickelt, die die Kapitalverwertung ankurbeln helfen, wenn mal wieder in großem Stil Reichtum krisenhaft vernichtet worden ist. Anhand der Diskussion um die Folgen der Finanzkrise (und an ein paar weiteren Krisenbeispielen) soll der Workshop dreierlei zeigen:
* dass kapitalistische Krisenbewältigung in gewissen Grenzen funktioniert - und dass das je nach Ausgangslage für neoliberale Programme genauso gilt wie für die in der Linken meist überschätzten keynesianistischen;
* dass diese Programme umgekehrt allerdings nicht dazu taugen, die nächste Krise zu verhindern;
* dass man aber nicht glauben sollte, dass diese Unfähigkeit uns das Ende des Kapitalismus bringt.

Workshop 3:
Krise der Bildung & Bildung der Proteste (AG “Gesellschaftskritik” der Bildungsproteste an der Uni Potsdam)
Gibt es eine Krise im Bildungssystem? Wogegen wird protestiert und von wem? Welche Rolle spielten die Medien (linke Presse, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, Bild u.a.) beim sogenannten “Bildungsstreik”? Welche internationalen Perspektiven und Proteste gibt es? In welchem Verhältnis stehen die Hochschulbesetzer*innen in Bezug auf ihren Status als “Bildungselite” und die Möglichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive der Proteste? Wie könnte eine solche eröffnet werden? Diese und viele andere Fragen möchten wir versuchen, gemeinsam zu beantworten.

Workshop 4:
Historische Dimension aktueller Ausgrenzung am Beispiel des Stigmas “asozial”– Workshop mit Dirk Stegemann (AK ‘Marginalisierte – gestern und heute!’)
Die Verfolgung, Internierung, Zwangsarbeit und Ermordung so genannter Asozialer im Nationalsozialismus hat historische Wurzeln. Aus welchen Gründen das Stigma “asozial” sich bis heute hartnäckig hält, ist ein Gegenstand der Veranstaltung.

Workshop 5:
Die Finanzkrise: Über die Selbständigkeit des Finanzmarktes und seinen Bezug zur übrigen Wirtschaft (Jimmy Boyle)
Ausgehend von der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers wollen wir in dem Workshop folgende Fragen diskutieren:
Was ist das besondere Geschäft des Finanzkapitals?
Wie ist der Bezug zur übrigen Wirtschaft?
Wie ist die umfassende Finanz- und Wirtschaftskrise zu erklären?
Thesen:
1. Die Finanzbranche hat eine eigene Quelle der Vermögensvermehrung, die
Bewertung von Schuldtiteln.
2. Die Krise am Finanzmarkt hatte daher auch nicht einfach ihren Grund
in der Krise der übrigen kapitalistischen Wirtschaft.
3. Dass die Finanzbranche ihre Schuldtitel als Vermögen anrechnet,
basiert allerdings auf der Selbstverständlichkeit, dass die ganze Welt
dem Profit als Prinzip untergeordnet ist.
4. Die übrige Wirtschaft setzt eine funktionstüchtige Finanzbranche
voraus. Beide stecken nach wie vor in der Krise und jeder nützliche
Reichtum wird dafür geopfert, dass beides wieder läuft.
Das Thema ist natürlich schwierig. Wir haben aber schon ein paar Erfahrungen gesammelt, wie man es verständlich darstellen kann.

Workshop 6:
Antisemitismus in der Krise (Jimmy Boyle)
Antisemiten sind gute Staatsbürger: Wie (fast) alle sind sie über die Welt empört und wissen auch, wer schuld daran ist. Sie ärgern sich – wie viele andere auch – über unfaire Bereicherung von jenen Kapitalisten, die nur hohe Zinsen eintreiben würden statt für ihr Geld zu arbeiten. Sie nehmen Anstoß am falschen Programm ihrer Regierung, weil dieses ihr Land nicht voranbringe. Dass irgendwie Ausland und Ausländer was mit dem Inländer-Elend zu tun haben und am besten noch schuld daran seien, auch darin sind sich der bürgerliche Normalverstand und der antisemitische Wahn ganz einig. Den Übergang, dahinter die „jüdischen Schmarotzer“ zu sehen, machen viele nicht mit. Warum dennoch antisemitische Erklärungen in Krisenzeiten oft besonders en vogue sind, und auf welchen verbreiteten Fehlschlüssen bezüglich Kapital und Nationalstaat sie beruhen, soll in diesem Workshop diskutiert werden.

Workshop 7:
Der Staat als ‘last resort’: Krisennationalismus 2010 (TOP B3rlin)
Als die Krise losbrach, hieß es überall, dass eine “transnationale Regulation” etc. her muss. Als dann aber die “Rettungspakete” geschnürt wurden, stellte sich schnell heraus, dass die Staaten auch in der Krise vor allem Standortpolitik machen (müssen). In der Krise wurde auch die unterschiedliche nationalökonomische Leistungsfähigkeit der Staaten offensichtlich. Viele Staaten gerieten durch die kostspieligen Steuerungsversuche in neue Abhängigkeit von bürgenden und Gläubigerstaaten. Doch selbst die Staaten, die ihre ordnungspolitischen Wünsche durchsetzen konnten, bewegen sich in einem Widerspruch: Die Krise soll “bewältigt” werden, doch die Rückkehr auf einen kapitalistischen “Wachstumskurs” ist zugleich die Rückkehr zur krisenträchtigen Standortkonkurrenz. Die ökonomischen wie ideologischen Verwerfungen, die daraus hervor gehen, wollen wir uns in diesem Workshop ansehen.

14.00-15.30 Mittagspause

15.30-16.00 Vorstellung der Workshops

16.00-19.00 AG-Phase 2

Workshop 8:
Marginalisierung und Widerstand – Die radikale Linke: Mitten drin oder nur dabei? (NEA)
Viel diskutiert wird über Hartz4-Empfänger_innen, die Höhe der Regelsätze und die Frage danach, wie sich das Erwerbslosenheer gerade in Krisenzeiten wieder in Arbeit bringen ließe. Die Diskussion ist auch schon länger in der radikalen Linken angekommen und erfährt inhaltlich wie auch praktisch verschiedene Ausformungen. Die einen organisieren linksradikale Blöcke auf Sozialabbau-Demos oder streiten für das Existenzgeld, andere wiederum halten trotzig zurecht das Bild des „glücklichen, faulen“ Erwerbslosen hoch. Das „unsere Blöcke“ nur die mobile, geschrumpfte Variante des eigenen Szenesumpfes sind und ein Leben unter Hartz4 spätestens dann,
wenn die Bezüge gekürzt werden, nur wenig mit „sexy Kommunismus“ und hedonistischer Strandparty zu tun haben, ist nur selten Gegenstand innerlinker Debatte. Wir wollen der Frage nachgehen, wie Widerstand gegen Marginalisierung aussehen kann, ohne dabei die Forderung nach mehr oder „gerechterer“ Arbeit stark zu machen. Gerhard Hanloser (Freiburg, Autor: „Krise und Antisemitismus”) spricht über die ideologische Ausrichtung der Hetzkampagnen gegen Erwerbslose und frühe Ansätze von Gegenorganisierung. Anne Alex (Berlin, AK Marginalisierte, aktiv in der Erwerbslosenbewegung) berichtet über die Entwicklung der Hartz4-Gesetze, deren Vorläufer und kommende Gesetzesänderungen. „Kampagne gegen Zwangsumzüge“ und “Keiner muss allein zum Amt“ (Berlin) Aktive aus der Erwerbslosenselbsthilfe schildern ihre Erfahrungen in der Praxis und stellen diese zur Diskussion.

Workshop 9:
Die Krise gibt’s nicht, sie ist nicht notwendig und letztlich theoretisch egal, weil es jetzt einfach weiter gehen muss… (Jimmy Boyle)
Über die Besprechung der Finanz- und Wirtschaftskrise in der Öffentlichkeit: Wie die Notwendigkeit der Krise geleugnet wird und wie die Krise, wenn sie da ist, zum Argument dafür wird, alles für das Funktionieren des Kapitals zu tun. Dieser Workshop will das nicht einfach darstellen, sondern Argumente gegen solche in der Öffentlichkeit vorgetragenen Ideen bringen. Für alle Teilnehmenden interessant, die in ihrem bürgerlichen oder linken Umfeld versuchen wollen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Dieser Workshop ist voraussetzungslos.

Workshop 10:
Gesundheit als Klassenkampf - Workshop mit Nadja Rakowitz und den Internationalen KommunistInnen
In dem Workshop wird Nadja Rakowitz (Geschäftsführerin des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte) über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Gesundheitsreform informieren. Dabei soll der Focus auf die seit Jahren laufende Subsumierung des Gesundheitswesens unter die Interessen des Kapitels gelegt werden, die sich besonders in der Reform der rot-grünen Bundesregierung ausdrückte. Diskutieren wollen wir auch über Widerstandsstrategien, die nicht bei der Kritik der FDP-Kopfpauschale stehenbleiben und vermeintlich weniger schlimme Einschnitte als kleineres Übel in Kauf nehmen.

Workshop 11:
Der Kapitalismus und seine Krisen – Workshop mit Michael Heinrich
Immer noch wird gerne behauptet, die Finanz- und Wirtschaftskrise sei die Folge gieriger Manager, falscher Wirtschaftspolitik oder ungenügender Regulierung der Märkte. Krisen sind aber keine vermeidbaren Betriebsunfälle. Sie werden im Kapitalismus nicht nur zwangsläufig hervorgebracht, sie haben für dieses System auch eine wichtige „produktive“ Funktion. Um das zu verstehen, werden wir uns mit den Grundstrukturen dieser Wirtschaftsweise beschäftigen. Jede Krise weist aber auch spezifische Merkmale auf. Für die weitere Entwicklung des Kapitalismus spielt nicht jede Krise dieselbe Rolle, daher ist auch ein Blick auf die ökonomische und soziale Entwicklung der letzten Jahrzehnte notwendig.

Workshop 12:
Gewerkschaftliche Organisierung – Workshop mit Willi Hajek und FAU Berlin
Was ist los mit dem Projekt „Veränderung durch Gewerkschaftsarbeit“? Weder wurde ein bedeutender Teil des Wohlstands durch harte Arbeitskämpfe umverteilt (zumindest nicht nach unten!) noch arbeiten die etablierten Gewerkschaften aktiv auf eine emanzipiertere Gesellschaftsordnung hin. Auch aktuell gab es nirgendwo so wenig Widerstand gegen die Auswirkungen der Krise wie in Deutschland. Was ist also zu tun, damit wieder Schwung in die Gewerkschaftsbewegung kommt? Im Workshop werden verschiedene emanzipatorische Gewerkschaftsmodelle vorgestellt und versucht, ihre Möglichkeiten und Grenzen auszuloten.

Workshop 13:
Hegemonie des Antiutopischen [paeris]
Linksradikale Positionen sind gesellschaftlich so marginalisiert, dass sich nicht einmal in der Krise von ihnen abgegrenzt werden muss. Linke, die von diesem Problem ausgehen, ziehen oft den Schluss, Mehrheiten zu suchen, mit denen man wenigstens irgend etwas gemeinsam hat. Daran wiederum wird kritisiert, dass der politische Erfolg, und wenn es nur die öffentliche Wahrnehmbarkeit ist, mit der Aufgabe inhaltlicher Positionen erkauft ist. Deshalb kann man an dem Kriterium, als Alternative überhaupt wahrgenommen zu werden, nicht vorbei, wenn man Politik nicht aufs Rechthaben beschränken möchte.

Workshop 14:
UP IN THE AIR und über DIE GRENZE: Wie die Krise im Mainstreamfilm bewältigt wird – Workshop mit Jule Winter und TOP B3rlin
In diesem Workshop sehen wir uns an, wie George Clooney als professioneller Angestellten-Entlasser im Auftrag feiger Personalchef_innen von Stadt zu Stadt fliegt. Ohne Interesse an zwischenmenschlichen Bindungen gilt sein Streben einzig dem Sammeln von Gratismeilen. Im Fernsehfilm DIE GRENZE hingegen wird ein Szenario entworfen, in dem „Rechts-“ und „Linksextreme“ um die Vorherrschaft im krisengebeutelten Mecklenburg-Vorpommern ringen. Kennzeichnend für die Bildproduktion zur Krise ist es, sowohl deren Auswirkungen auch das Kapitalverhältnis zu personalisieren und auf diese Weise für die Zuschauenden als bewältigbar zu gestalten. - Die Systemfrage und der real abstrakte Charakter des Kapitalismus bleiben dabei ausgeblendet.

19.45 - 22.00
PODIUMSDISKUSSION
Gute Zeiten – schlechte Zeiten?
Ideologie und Politik in der Krise.

Mit Nadja Rakowitz, Thomas Ebermann, Michael Heinrich und den beteiligten Gruppen

(Für die Vorstellung der Workshops sind die Parteien selbst verantwortlich.)