Rechts, Links... alles der gleiche Sumpf?

Ansätze in der etablierten Rechtsextremismusforschung und die Frage nach einem «rechten Antikapitalismus»
Aus 'Nationaler Sozialismus "Antikapitalismus" von völkischen Freaks'

Das Thema „Rechtsextremismus“ war in der bundesdeutschen medialen Öffentlichkeit schon immer konjunkturabhängig. Mal ist es die anhaltende Straßengewalt von Neonazis, die, erwischt es etwa ein prominentes Opfer oder ist der Übergriff allzu skandalös, für Debatten sorgt, mal ein Diskurs über die im Rahmen bürgerlicher Staatlichkeit möglichen Mittel, den Rechtsextremismus quantitativ einzudämmen, wie im Fall des 2001 gescheiterten Verbotsverfahrens gegen die NPD. Nachdem die NPD nach den Wahlen in Sachsen 2004 in den Landtag einzog und zumindest teilweise erfolgreich war mit dem Versuch, an breiten Sozialprotesten wie z.B. gegen die „Hartz IV” – Gesetzgebung zu partizipieren, hat diese neonazistische Strömung der extremen Rechten insgesamt erneut die Aufmerksamkeit von Politologen und Soziologen auf sich gezogen. Auch in den wissenschaftlichen Untersuchungen sind aktuelle neonazistische Entwicklungen wie die zunehmende Thematisierung der „Sozialen Frage“ in den letzten zwei Jahren merklich in den Vordergrund gerückt – obwohl es sich dabei keineswegs um ein neues Phänomen handelt. Hatten die JN schon 1991 Thesenpapiere vorgelegt, in denen eine „Dritte Position“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus propagiert wurde, erhielten in der NPD wirtschaftspolitische Fragen mit „antikapitalistischem“ Einschlag spätestens 1996 mit der Wahl Udo Voigts zum neuen Parteivorsitzenden Einzug.1

Welche Analysen dieses Phänomens legt die etablierte Rechtsextremismusforschung nun akuell vor?2 Es ist zu erwarten, dass deren ProtagonistInnen es weder vermögen, das Phänomen theoretisch befriedigend einzuordnen, noch den Neonazis argumentativ etwas entgegen zu setzen, da sie selber in der Vorstellung, demokratisch kapitalistische Gesellschaften seien das begrüßenswerte „Ende der Geschichte“, verhaftet bleiben und sich somit außerhalb jeder „Systemkritik“ bewegen – von kleinen Korrekturvorschlägen wie einem funktionierenden Sozialstaat mal abgesehen. Damit soll nicht bestritten werden, dass die Untersuchungen einiger Autoren wie z.B. Hajo Funke oder Richard Stöss, beide mit dem Arbeitsschwerpunkt Rechtsextremismus tätig am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, durchaus wertvolle Zusammenstellungen enthalten können, nur dienen sie meist nicht dazu, den rechten „Antikapitalismus“ jenseits einer deskriptiven Ebene zu kategorisieren. Schließlich müssen die ExpertInnen ihre Untersuchungen auch an keiner linken, antikapitalistischen und antifaschistischen Praxis messen, allenfalls erteilen sie Empfehlungen an den Vater Staat oder die viel beschworene Zivilgesellschaft, beteiligen sich an AussteigerInnenprogrammen oder halten den ein oder anderen faktenreichen Vortrag.

Nur allzu leicht sind in der renommierten Forschung totalitarismustheoretischen Konzepten Tür und Tor geöffnet, wie das folgende Beispiel aus der Schriftenreihe des Dresdener „Hanna – Arendt Instituts“ zeigt. Henrik Steglich, der die NPD in Sachsen untersucht, behauptet dort: „Wie schon mehrfach erwähnt, kann die NPD in ihrer jetzigen Gestalt insofern als »untypische« rechtsextreme Partei gelten, als sie nicht auf strikten Antikommunismus und ein prinzipielles Einverständnis mit dem Kapitalismus festgelegt ist, sondern in Teilen eine Antwort auf die soziale Frage mit klassisch linken Argumentationsmustern versucht.“3 Fraglich an dieser These ist zunächst, ob die Kategorie „typische“ rechtsextreme Partei, die hier angewendet wird, angesichts der sich bereits Mitte der 1990er Jahre verschiebenden inhaltlichen Gewichtung zeitgemäß ist, vielmehr wäre hier zwischen den jeweiligen Strömungen der extremen Rechten zu differenzieren und z.B. auf die eher neoliberale Orientierung der Republikaner zu verweisen. Wie grundsätzlich falsch die obige Behauptung Steglichs aber ist, der vor dem Hintergrund einer alle „Extremisten“ gleichsetzenden Schablone argumentiert, bezeugt seine Annahme, die NPD sei nicht mehr auf „strikten Antikommunismus“ festgelegt. Zwar kann der rechte „Antikapitalismus“ weder als purer Kapitalismus im „sozialen Gewand“ noch als „Lüge“ bezeichnet werden, da die in den neonazistischen wirtschaftspolitischen Entwürfen angestrebte Autarkie einhergehend mit einem starken, eingreifenden Staat durchaus gegen die neoliberale Idee freier Märkte in Verbindung mit einem „schwachen“ Staat gerichtet ist – mit Kommunismus haben die Konzepte von NPD, JN und Kameradschaften aber schlichtweg nichts zu tun. Es handelt sich weder um bloße rhetorische „Tricks“, noch um einen tatsächlichen Antikapitalismus im Marxschen Sinne. Auch wenn sich die Problematik antiamerikanischer und antisemitischer Ressentiments sowie verkürzter Kapitalismuskritik in Teilen der radikalen Linken nicht leugnen lassen, bleiben wesentliche Unterschiede zu den wirtschaftspolitischen Konzepten der Neonazis bestehen. Entscheidende Differenzen zwischen rechten und (antinationalen!) linken Kapitalismuskritikern sind der durch die Neonazis kolportierte positive und völkische Bezug auf die Nation als einem „überhistorischen“ Projekt sowie die Verbindung sozialer Kämpfe mit rassistischer Rhetorik. Im Zentrum steht eine imaginierte „Zinsknechtschaft“ gepaart mit verschwörungstheoretischen Ansätzen; nicht die Grundkategorie „Kapital“ wird kritisiert, sondern ganz im Sinne des nationalsozialistischen antisemitischen Duktus zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital unterschieden.4 So erklären die Autoren der Broschüre Zukunft statt Globalisierung..., „die vorherrschende Zinswirtschaft“ zum „Grundübel“ des Kapitalismus, nicht ohne zu beklagen, dass „weite Teile des Nationalen Widerstandes in Deutschland“ [dies] noch nicht erkannt hätten.5

An dieser Stelle lassen sich noch am ehesten Überschneidungen zu (falscher) linker Kapitalismuskritik ausmachen, die selbstverständlich aufgezeigt werden müssen. Daraus aber im Gegenzug im völkischen Sozialismus linke Ansätze zu sehen, ist nicht nur falsch, sondern böswillig. Sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus werden im (neo)nationalsozialistischen Modell als materialistische Weltanschauungen dargestellt, deren gemeinsames (!) Ziel die Zerstörung der Nationen und Völker sei.6 Wie sehr sich dabei von antirassistischen linken Ideen abgegrenzt wird, zeigt die neuerdings wiederholt geäußerte geradezu paranoid wirkende Befürchtung, sowohl der kapitalistisch-bürgerliche Staat als auch die radikale Linke würden die Errichtung eines „Weltenstaates“ anstreben.7 Als Indikator für diese krude Annahme gelten der JN u.a. die staatliche Ausländerpolitik und die in diesem Kontext von linken Gruppen geforderte Möglichkeit zu unregulierter, freier Migration. Sowohl struktureller und offener Antisemitismus als auch Rassismus nehmen somit weiterhin einen hohen Stellenwert für die Neonazis ein, lassen sich nicht gegeneinander ausspielen und sind Distinktionselement zur (aufgeklärten) Linken.

Der von MarxistInnen konstatierte Klassenantagonismus wird zurückgewiesen, die Aussöhnung von Klassengegensätzen soll vor dem Hintergrund völkischer Identität und Kollektivität erreicht werden. Dementsprechend stellen die zitierten Neonazis nicht Kapitalismus als System an sich in Frage. Vielmehr soll der deutsche kapitalistische Markt gegenüber dem internationalen Kapital protegiert werden. Antinationale Linke bleiben durchaus Feindbild (als „Gefahr“ für nationale Identität) und werden mit gleicher Intensität bekämpft wie eh und je, auch wenn sich im Einzelnen Bezüge und Querfrontbestrebungen nachweisen lassen.

Dies wird von dem eingangs erwähnten Prof. Dr. Hajo Funke, der die NPD treffend als „neonationalsozialistische Bewegungspartei“ bezeichnet, die im Hinblick auf Zielsetzung, rassistischer Ideologie und operativer Taktik sogar über „die von Hitler repräsentierte nationalsozialistische Politik“ hinaus gehe, immerhin deutlich erkannt und benannt.8 Für den Berliner Politologen nimmt die JN in dieser Entwicklung eine zentrale Rolle ein, indem sie als eine Art Sammelbecken mit einem der SS ähnlichen Eliteanspruch innerhalb der Bewegung fungiere.9 Nach Funke bleibt die Negierung und Abwehr von Klassenkonflikten und Gewerkschaften zugunsten eines „autoritär solidarischen Volksstaates“ integraler Bestandteil der wirtschaftspolitischen Konzepte, der insofern auch immer eine Bekämpfung der klassenkämpferischen Linken beinhalten muss. Letztere erfolgt allerdings tatsächlich längst nicht mehr nur auf der Ebene von militanten Anti-Antifa-Strukturen, sondern schlägt sich auch in einer argumentativen Auseinandersetzung mit „der“ Linken nieder. In Publikationen wie z.B. der Deutschen Stimme oder der Antikap-Broschüre finden sich zunehmend (selbstverständlich ablehnende) Artikel über das Verhältnis im weitesten Sinne linker Gruppen und Parteien wie z.B. der WASG und der Linkspartei zur „sozialen Frage“.10

Unterscheidet sich nicht nur die Einordnung des rechtsextremen „Antikapitalismus“ in den Forschungsansätzen, variieren ebenfalls die Ansichten über die Ursachen des inhaltlichen Neugewichtes bei NPD, JN und Kameradschaften. Funkes Kollege Richard Stöss, Autor zahlreicher Studien über Rechtsextremismus, sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands und der zunehmenden Relevanz sozialer Thematiken innerhalbes rechtsextremen Spektrums.11Schließlich, so die These, seien Themen wie Sozialabbau, Globalisierung etc. in den Neuen Bundesländern für die Menschen wesentlich aktueller als etwa Geschichtsrevisionismus und würden dementsprechend mehr Anknüpfungspunkte für eine Partei wie die NPD bieten, die bisher nur in diesem Teil Deutschlands nennenswerte Wahlsiege erlangen konnte. Stöss geht davon aus, dass die „Überfremdungskampagne“ der 1990er Jahre um den Aspekt Globalisierung erweitert wurde, diese also keinesfalls einfach abgelöst habe. Die Ursache für inhaltliche Veränderungen erscheinen damit bei Stöss als politisch-strategisches Mittel der NPD, sich neue Bevölkerungsschichten als Wähler und AnhängInnen zu erschließen. Mag dies zwar zunächst nachvollziehbar sein, liefert die Feststellung, dass völkisch-sozialistische Konzepte die Mobilisierung ostdeutscher WählerInnen offenbar ermöglicht hat, keine Erklärung, warum von den wirtschaftliche Problemen ausrechnet die extreme Rechte und nicht die Linke profitiert und wie es um den Einfluss dieser Ideologeme in Westdeutschland bestellt ist. Auch Anton Maegerle, der 2005 einen ganzen Band der Frage nach rechter Globalisierungskritik gewidmet hat, unterstellt in erster Linie strategische Überlegungen: „[...] Das eigentliche Interesse der Rechtsextremisten gilt nur vordergründig der Globalisierungskritik. Tatsächlich suchen sie nach Argumenten, mit denen sie ihrer antisemitischen, antiamerikanischen und ausländerfeindlichen Propaganda Widerhall verschaffen können.“12 Eigentlich, so die Aussage, seien die Zielsetzungen also gar nicht „Antikapitalismus“ und „Anti-Globalisierung“, hinter den „vordergründigen“ Konzepten verstecke sich etwas ganz anderes. Damit folgt Maegerle der fälschlichen These, bei den sozialrevolutionären, völkischen Konzepten etwa von NPD und JN handele es sich um reine Demagogie. So richtig es inhaltlich ist, festzustellen, dass die neonazistische Kapitalismus- und Globalisierungskritik antisemitisch, antiamerikanisch und rassistisch ist, so falsch ist es zugleich, den Neonazis deshalb ein angeblich anderes Interesse zu unterstellen. Übersehen wird dabei die tatsächliche Bedeutung und Verinnerlichung der Thematik für die Neonazis, die einen strategischen Umgang mit derselben ja nicht ausschließen muss.

Maegerle koppelt seine Untersuchung über neue Formen des Rechtsextremismus an eine eigene, leider aber oberflächlich bleibende Kritik an den Folgen von Globalisierung und Sozialabbau. Reale Überschneidungen zwischen verkürzter linker und rechter Kapitalismuskritik werden zurückgewiesen, vielmehr verweist er an mehreren Stellen auf Texte und Aussagen von z.B. NPD-AnhängerInnen, die jede Affinität zu „linker“ Globalisierungskritik zurückweisen. Ebenso wenig hilfreich wie die totalitarismustheoretischen Ansätze Steglichs ist es aber, wenn Problematiken wie verkürzte, auf die Finanzsphäre fokussierte Kapitalismusvorstellungen, die innerhalb der linken, globalisierungskritischen Bewegung sehr wohl existieren, nicht erkannt bzw. kritisiert, sondern ausgeblendet werden.

Ein weiteres Manko Maegerles ist es, dass er trotz des zahlreich ausgewerteten Materials in seinen Thesen und Analysen ungenau bleibt, so formuliert er keine klare Einschätzung darüber, welche Gefahr tatsächlich von dieser „Diskursentgrenzung“ ausgeht, vielmehr betont er in seinem Fazit, dass „die extreme Rechte [...] bislang kein Kapital aus der breiten Akzeptanz von globalisierungskritischen Positionen in der Bevölkerung“ ziehen könne, da das Thema von Linken „besetzt“ sei.13 Eine mögliche Anknüpfung sieht er aber in dem von ihm kolportierten Bedeutungsverlust der Nationalstaaten auf dem „politischen Sektor“: „Indem Globalisierung die Entgrenzung der  Welt, Migration, die Auflösung der Nationalstaaten und den Werteverfall beschleunigt und zu wachsenden Identitätsproblemen führt, bietet sie optimale Gelegenheitsstrukturen für die extreme Rechte, deren Ideologie in der Synthese von Nationalismus und Ethnozentrismus besteht.“ 14

Es stellt sich nicht nur die Frage, welche Werte angeblich „verfallen“- durch diese Akzentuierung wirkt es, als würde auch Maegerle Kapitalismus in erster Linie als kulturelles Phänomen begreifen. Die Annahme sich „auflösender“ Nationalstaaten kann bisher weder auf ideologischer noch politischer Ebene in dieser Einfachheit konstatiert werden. Gerade die Konflikte im Hinblick auf kriegerische Interventionen, wie etwa dem Irakkrieg 2003, aber auch um Strukturen und Entscheidungen innerhalb der EU zeigen die fortbestehenden unterschiedlichen Interessen von Nationalstaaten auf, denen notfalls auch die politische Durchsetzung folgt. Das Beispiel Deutschland beweist außerdem, wie eine Renationalisierung der Bevölkerung neben dem Ausbau einer eigenen starken Position innerhalb der EU gleichzeitig Bestandteil der etablierten Politik sein kann. Von einem Verlust des Bezugs auf einen nationalstaatlichen Rahmen angesichts der von Maegerle konstatierten angeblichen „Entgrenzung der Welt“ kann deshalb derzeit nicht die Rede sein, vielmehr wird auf ideologischer Ebene die emotionale Identifikation mit der Nation in das Konzept Europa integriert. Insofern wäre wohl eher, provokant gesagt, eine Annäherung zwischen neonationalistischen und neonationalsozialistischen Argumentationen auf gesellschaftlicher, diskursiver Ebene zu untersuchen, als sich auf die These zu stützen, dass NPD und JN angesichts der Globalisierung eine (nationalistische) „Lücke“ füllen würden.

Wesentlich hilfreicher als die skizzierten Thesen von Steglich, Maegerle, Funke und Stöss sind die verschiedenen aktuellen Schriften der Rosa-Luxemburg-Stiftung – so wird dort immerhin Gesellschaftskritik betrieben und antikapitalistischen Ansätzen von Antifaschismus Legitimität eingeräumt. Lorenz Korgel fragt etwa nach der Bedeutung der „Übernahmeversuche“ bestimmter Symboliken und Thematiken durch die extreme Rechte für die Linke und kommt zu dem Schluss: „Die Antwort kann nur in der menschenrechtlichen/demokratischen Verankerung der eigenen Politik liegen, die sich strikt vom Gleichwertigkeitsprinzip der Menschen leiten lässt. Außerdem wird es bedeutend sein, die Debatten um „Antiimperialismus“ und „Globalisierung“ aus der Enge nationalistischen oder gar national-chauvinistischen Lösungsmodellen eine klare Absage zu erteilen.“15

Wenngleich der positive Bezug auf „Menschenrechte“ neue Probleme aufwirft (so impliziert er ein offenbar recht unkritisches Verhältnis zum bürgerlichen Rechtsbegriff) ist der letzteren Aussage unbedingt zuzustimmen, schließlich fungiert gerade die Frage nach der Bedeutung von Nation und Nationalismus als wesentliches Distinktionsmerkmal zwischen den Versuchen, die „soziale Frage“ von rechts oder links zu besetzen  – abgesehen davon, dass Nationalismus (auch von „links“) nie progressiv ist und der Bezug auf nationale Bewegungen oftmals vielmehr eigene Bedürfnisse nach revolutionärer Erfüllung befriedigt, als der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Realitäten dient. Christina Kaindl thematisiert ebenfalls mögliche Handlungsstrategien und Herausforderungen, die sich aus der Aneignung neuer „antikapitalistischer“ Diskurse innerhalb des rechtsextremen Spektrums für AntifaschistInnen ergeben. Auch für sie ist die Absage an nationale und wohlfahrtsstaatliche Modelle entscheidend: „Wenn die Linke mit einer Besetzung des Nationalen oder einer völlig aussichtslosen Verteidigung des Nationalstaats gegen die Globalisierung antritt, statt solidarische Vergesellschaftungsformen auf globalem Niveau zu formulieren, dann spielt sie in die Hände der modernen Nazis und bleibt immer in der Defensive.“16

Fraglich bleibt dann noch, mit welchen Inhalten die Begriffe „solidarische Vergesellschaftungsformen“ im einzelnen gefüllt werden müssen. Wir können jedoch festhalten, dass die Beschäftigung mit rechtem „Antikapitalismus“ für eine antikapitalistische antifaschistische Linke zwingend notwendig ist und gleichzeitig auch die Möglichkeit bietet, sich selber klar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen zu positionieren und Alternativen aufzuzeigen. In diesem Sinne zitieren wir uns an dieser Stelle einfach selber: „Der Kapitalismus ist ein gesellschaftliches Verhältnis – von Menschen hervorgebracht – und als solches auch von den Menschen überwindbar. Die Kritik an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen muss insofern aber auch immer eine Kritik an den ideologischen Denkformen sein, in denen sich das historisch Gewordene und gesellschaftliche Hervorgebrachte in den Köpfen der Menschen zum scheinbar Ursprünglichen, Natürlichen oder Göttlichen verkehrt und verselbstständigt. Für die Mobilisierung zu den G8-Protesten bedeutet dies, der rechts- und linksruck bewegten Raserei gegen das Abstrake ebenso eine Absage zu erteilen wie den Sinnstiftungen von „Volk“ und „Nation“, „Religion“ und „Kultur“.17

Ursula Meyer, TOP Berlin

  • 1. Auch wenn die Parteizeitung der NPD, die Deutsche Stimme, schon seit Anfang der 1990er Jahre eine eigene Sparte zu dem Thema «Wirtschaft und Soziales» enthält, avancierte dieser Politikbereich erst Mitte der 1990er Jahre zum inhaltlichen Schwerpunkt. Toralf Staud sieht den Beginn dieser Neugewichtung bereits in den siebziger und achtziger Jahren begründet, allerdings habe erst die Wiedervereinigung den Rahmen geboten, die Beschäftigung mit der «Sozialen Frage» in Ostdeutschland zu einem Erfolg werden zu lassen. Staud, Toralf: Moderne Nazis. Die neuen Rechten und der Aufstieg der NPD, Köln 2005, S.68.
  • 2. In diesem Text werden Studien, die seit 2002 erschienen sind, zitiert, die sich in erster Linie der NPD, JN und Kameradschaften mit ihren völkischen Sozialismusvorstellungen widmen. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass die Thesen von z.B. Ptak und Schui über Zusammenhänge zwischen rechtsextremen und neoliberalen Konzepten die aktuellen «antikapitalistischen» Entwicklungen nicht treffend analysieren. Siehe dazu Ptak, Ralf: Wirtschaftspolitik und die extreme Rechte. Betrachtungen zu einer wenig behandelten Frage, in: Mecklenburg, Jens (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus, Berlin 1996, S.901-922; Ptak, Ralf/Schui, Herbert/Blankenberg, Stefanie/Bachmann, Günther/Kotzur, Dirk: Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte, München 1997.
  • 3. Steglich, Henrik: Die NPD in Sachsen, Organisatorische Vorraussetzungen ihres Wahlerfolgs 2004, Dresden 2005., S.74.
  • 4. Interessanterweise verzichten die Autoren der 2006 erschienen «Antikapitalismusbroschüre» auf offenen Antisemitismus, während sich in dem etwa 100seitigen «Grundlagenreader» klare antisemitische Aussagen finden lassen wie etwa die Behauptung einer «jüdischen Dominanz im Filmwesen vor 1933». Siehe dazu Zukunft statt Globalisierung – Kapitalismuskritik aus nationaler Sicht, März 2006, S.11 und der Artikel von Marion Gondek (Seite 14) dieser Broschüre.
  • 5. Ebenda, S.5.
  • 6. Die JN bezeichnet Kommunismus gar als «Zwilling» des Kapitalismus. Beschluss des Bundesvorstandes der Jungen Nationaldemokraten (JN): Vorwärts zur deutschen Revolution!, www.jn-buvo.de, aufgerufen am 11.04.2006.
  • 7. Ebenda.
  • 8. Funke, Hajo: Paranoia und Politik. Rechtsextremismus in der Berliner Republik, in: Schriftenreihe Politik und Kultur am OSI, Berlin 2002, S.91.
  • 9. Ebenda, S.100.
  • 10. Z.B. Gansel, Jürgen W.: Der Abschied der Linken von der sozialen Frage, in: DS, 12/06.
  • 11. Stöss, Richard: Rechtsextremismus im Wandel, Bonn 2005, S.47.
  • 12. Maegerle, Anton: Globalisierung aus Sicht der extremen Rechten, Braunschweig 2005, S.17.
  • 13. Ebenda, S.184
  • 14. Ebenda, S.11.
  • 15. Korgel, Lorenz: Verkleidete Nazis oder neue Nazikleider? Zur Übernahme „linker“ Themen uns Symbole durch rechtsextreme Szenen, in: quer aktuell. Band 4, Protokoll der Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e.V.: „Heute Sachsen – morgen Deutschland?“, Jena 24.-26.6.2005, S.139-149, hier S.149.
  • 16. Kaindl, Christina: Rechtsextremismus am Standort Deutschland. Die „soziale Demagogie“ der extremen Rechten, in: Kinner, Klaus (Hrsg.): Die extreme Rechte im Osten, S.16-28, hier S.17. Siehe auch die aktuellere Version, aber in den Grundthesen gleiche des Textes in Bathke,Peter/Spindler, Susanne (Hrsg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenhänge-Widersprüche-Gegenstrategien, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bd.29, Berlin 2006, S.60-76.
  • 17. Ums-Ganze-Papier, Dezember 2006, www.umsganze.blogsport.de und www.top-berlin.net