Zur Kritik des neoliberalen Affekts

Ein Debattenbeitrag britischer Genoss*innen

Der folgende, in unserer Übersetzung stark gekürzte Text »We Are All Very Anxious« zirkuliert seit seiner Veröffentlichung im April 2014 innerhalb der englischsprachigen radikalen Linken. Verfasst wurde er von einem bislang nicht in Erscheinung getretenen Institute for Precarious Consciousness. Auch wenn die Thesen holzschnittartig und die Lösungsvorschläge unbefriedigend sind, ist die vorgeschlagene Lesart von Angst als Symptom postfordistischer Lebensverhältnisse in der Krise besonders in ihrer ideologiekritischen Dimension von Interesse. Sie kann als Ausdruck einer Verschiebung im Prekarisierungsdiskurs verstanden werden, wie ihn auch die erneute Auseinandersetzung mit der Antipsychatrie markiert. Der Wandel, den die Veränderung von Kreation zur Depression beschreibt, verweist auf eine Veränderung im Verhältnis von Arbeit und Kapital: Die Verunsicherung der Arbeitenden beschränkt sich nicht mehr auf ein sogenanntes Prekariat, sondern verallgemeinert sich mit der Zerstörung von Normalarbeitsverhältnissen auch innerhalb der kapitalistischen Zentren, weil die Abhängigkeit aller Enteigneten vom Verkauf ihrer Arbeitskraft zutage tritt. Von Versprechen des Tausches »weniger Lohn/mehr Arbeitsdichte« gegen »mehr Autonomie«, sind nur die verschlechterten Arbeitsbedingungen und die Vereinzelung in der verschärften Konkurrenz geblieben. Die gleichzeitige Erfahrung von verallgemeinerter Prekarisierung und zunehmender Vereinzelung wird zu einem zentralen politischen Problem. Der Text betont die Konsequenzen für überkommene Protestformen, die einer anderen Phase kapitalistischer Vergesellschaftung entsprechen. Aus dieser Perspektive sind die sogenannten Asambleas nicht bloß Ausdruck eines Bedürfnisses nach »echter« Demokratie, sondern auch ein Ort der Kollektivierung von Prekarisierungserfahrung. Deshalb wurden sie zum Ausgangspunkt für Kampagnen gegen Schulden und Zwangsräumungen. Es stellt sich die Frage, wie unter diesen Umständen ein emanzipatorisches Projekt entstehen kann. Der Text selbst fällt an dieser Stelle in ein Kleingruppenmodell und die Kategorie authentischer Erfahrung zurück, auch weil seine Analyse auf die genaue Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise sowie ihrer Bedingungen der Reproduktion verzichtet. Eine politisch wirksame Antwort auf die hier mit Dringlichkeit aufgeworfene Frage zu entwickeln, bleibt daher Arbeitsaufgabe der radikalen Linken.

Die englische Originafassung gibt's in voller Länge bei unseren Genoss*innen von PlanC. Unsere Übersetzung ist im August 2014 im ak erschienen. Eine vollständige Übersetzung ist jetzt hier erschienen.

 

Eine Maschine zur Bekämpfung der Unsicherheit

Wie kann unter den Bedingungen allgemeiner Prekarität ein emanzipatorisches Projekt entstehen?

Jede Phase des Kapitalismus verfügt über einen reaktiven Affekt, der sie zusammenhält. Die Vorherrschaft eines Affekts hält nur so lange an, bis Strategien des Widerstandes seine Dominanz brechen und/oder seine gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen bestimmt sind. Daher kommt der Kapitalismus beständig in eine Krise und reorganisiert sich um einen neuen dominanten Affekt. Alle diese Affekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein öffentliches Geheimnis sind, d.h. etwas, das jedeR weiß, aber keineR zugibt. Solange der dominante Affekt ein öffentliches Geheimnis bleibt, ist er effektiv und Widerstandsstrategien können nicht entstehen. Öffentliche Geheimnisse sind typischerweise personalisiert. Die sozialen Bedingungen, die das Problem hervorbringen, bleiben verborgen. Jede Phase macht die Opfer des Systems verantwortlich für das Leid, welches ihnen das System zufügt.

Dass der Kapitalismus zu allgemeinem Wohlstand führt, war die herrschende Erzählung des 19. Jahrhunderts. Das öffentliche Geheimnis, dem diese Erzählung korrespondierte, war das Elend der Arbeiterklasse. RevolutionärInnen enthüllten dieses Geheimnis. Wenn jede Phase des herrschenden Systems über einen dominanten Affekt verfügt, dann benötigt der Widerstand gegen das System auch Strategien, um diesen Affekt aufzulösen. Wenn die erste Welle sozialer Bewegungen eine Maschine zur Bekämpfung des Elends war, dann ist die zweite Welle (der 1960er und 1970er Jahre) eine Maschine zur Bekämpfung der Langeweile. Unsere eigenen Bewegungen haben sich in dieser Protestwelle ausgeformt, sie beeinflusst weiterhin fast alle unsere Theorien und Praktiken.

Die meisten sind Fluchtwege aus dem Kreislauf aus Arbeit, Konsum und Tod. Sie waren mit einem gegenkulturellen Exodus aus den herrschenden Formen langweiliger (Haus-)Arbeit und sozialer Rollen verbunden. Eine zumindest partielle Einhegung des Kampfs gegen die Langweile ist festzustellen. Der Kapitalismus folgte dem gegenkulturellen Exodus an Orte jenseits der Arbeit, und stellte genau dort die soziale Fabrik her - ein Feld, in dem die gesamte Gesellschaft wie ein Arbeitsplatz organisiert ist. Prekarität zwingt Menschen zurück in die Arbeit, in eben jenes erweiterte Feld der Arbeit, das nun das Gesamte der sozialen Beziehungen und Tätigkeiten umfasst. Firmen haben das Modell flacher Hierarchien übernommen und regen ihre Angestellten nicht nur an, ihre Arbeit selbst zu verwalten, sondern gleich ihre Seele zu investieren. Die Konsumkultur stellt Nischenprodukte bereit, die nicht mehr wie zuvor vom Massengeschmack bestimmt sind. Videospiele und soziale Netzwerke basieren auf einem höheren Grad an Involvierung. Arbeitserfahrungen vervielfältigen sich durch minimalste Abweichungen und konstante Selbstverwaltung, Gelegenheitsjobs und quasiselbstständige Arbeitsweisen proliferieren an den Rändern des Kapitalismus. Der Kapitalismus hat das Wachstum mediatisierter sekundärer Identitäten befördert - das Selbst, wie es sich durch soziale Medien, sichtbaren Konsum und lebenslanges Lernen darstellt.

Das öffentliche Geheimnis ist, dass alle verunsichert sind. Unsicherheit hat sich von zuvor eingegrenzten Bereichen auf das Ganze des sozialen Feldes ausgedehnt. Unsicherheit ist Dreh- und Angelpunkt der Unterwerfung. Die Omnipräsenz der Überwachung sichert die Verunsicherung ab. Das Überwachungskamerasystem CCTV (Closed Circuit Television), die beständige Evaluation der eigenen Arbeitsleistung, das Job-Center-Regime, das Privilegiensystem im Gefängnis, die Überprüfung und Bewertung noch der jüngsten Schulkinder. Aber dieses sichtbare Netz ist nur die äußerste Schicht. Wir müssen darüber nachdenken, wie mit der neoliberalen Vorstellung von Erfolg die Überwachungsmechanismen verinnerlicht werden. Wir müssen über die Selbstentäußerung in sozialen Medien, im sichtbaren Konsum und in der Wahl der eigenen Position innerhalb des Meinungsfeldes nachdenken, die auch eine Performance im Feld des wechselseitigen Blicks eines virtuellen Anderen ist. Wir müssen darüber nachdenken, wie dieser Blick verändert, wie wir uns finden, messen und kennen, als Ko-Stars in einer fortlaufenden Aufführung. Umgekehrt bestimmt unser Erfolg in dieser Aufführung alles: von der Möglichkeit menschliche Nähe wahrzunehmen bis zum Zugriff auf das Lebensnotwendige, nicht nur in Gestalt des Lohns, sondern auch in Gestalt von Krediten.

Weil jedeR ersetzbar ist, kann jedeR gewaltvoll ent-netzt werden in einer Situation, in der Alternativen im Voraus ausgeschlossen sind, sodass die Ent-netzung immer den Ausschluss aus dem Sozialen beinhaltet - was zur absurden Nicht-Wahl zwischen individualisierter Inklusion und individualisierter Exklusion führt. Diese Drohung manifestiert sich in heutigen Disziplinartechniken und kulminiert in der drakonischen Form der Isolationshaft, wie wir sie im Gefängnis finden. Diese Regime sind der Nullpunkt der Kontrolle-durch-Verunsicherung.

Generalisierte Hoffnungslosigkeit

Der gegenwärtig vorherrschende Affekt der Unsicherheit ist auch als Prekarität bekannt. Prekarität erlaubt es, Leute als überflüssig zu handhaben, um sie unter Kontrolle zu halten. Prekarität unterscheidet sich vom Elend insofern, als die Lebensnotwendigkeiten nicht schlicht abwesend sind. Sie sind vorhanden und verfügbar, allerdings ist der Zugang zu ihnen an Bedingungen geknüpft. Prekarität führt zu einer generalisierten Hoffnungslosigkeit.

Verunsicherung und Stress sind ein öffentliches Geheimnis: wenn überhaupt thematisiert, dann ausschließlich als individual-psychologisches Problem. Der Kontrollverlust führt zum obsessiven Bemühen um deren Zurückeroberung durch ein allgegenwärtiges Mikromanagement. Erziehungstechniken werden als Mittel beworben, Eltern die Angst zu nehmen, indem sie Handlungsanleitungen zur Verfügung stellen. Auf der Ebene gesamtgesellschaftlicher Prozesse ist die latente Verunsicherung der Motor für Großprojekte sozialer Regulation.

Unsicherheit wird auf verschiedene Weisen personalisiert - vom neu-rechten Diskurs, der die Armen für ihre Armut verachtet, zu Therapieformen, die Unsicherheit als dysfunktionale Denkweise behandeln. Hundert Varianten des Management-Diskurses - Zeitmanagement, Wutmanagement, Erziehungsmanagement, Selbstvermarktung - bieten die Illusion von Kontrolle im Austausch für Konformität mit dem kapitalistischen Modell von Subjektivität. Viele davon behandeln Prekarität als persönliche Abweichung, Verantwortungslosigkeit oder pathologischen Selbstausschluss. Sie versuchen den Überbau des Fordismus (Nationalismus, soziale Integration) ohne seine Basis (Nationalwirtschaft, Sozialstaat, Arbeit für alle) aufrechtzuerhalten.

Wir haben argumentiert, dass Menschen isoliert sein müssen, damit das öffentliche Geheimnis wirksam bleibt. Die Neuzusammensetzung emanzipatorischer Kräfte findet nicht statt, solange es keine Kanäle gibt, durch die es ausgesprochen werden kann. Es ist sehr schwer für die meisten Menschen, die Realität dessen, was sie erfahren, anzuerkennen. Etwas muss erst quantifiziert und mediatisiert oder bereits als politisch anerkannt sein, um als echt zu gelten. Das öffentliche Geheimnis erfüllt diese Kriterien nicht und bleibt unsichtbar.

Mobilisierung und soziale Kämpfe wirken befreiend. Diese Erfahrung ist in den letzten Jahren selten geworden. Wir versagen darin, der generalisierten Produktion von Verunsicherung zu entkommen. Wenn die erste Welle eine Maschine zur Bekämpfung des Elends bereitstellte und die zweite eine Maschine zur Bekämpfung der Langeweile, dann brauchen wir heute eine Maschine zur Bekämpfung der Unsicherheit.