Geschichte und Notwendigkeit

8. Marx-Herbstschule

Marx’ Geschichtsbegriff war lange Zeit in Beschlag genommen vom Geschichtsdeterminismus des traditionellen Marxismus. Sein Versuch, den Zusammenhang zwischen materiellen Verhältnissen und historischer Entwicklung zu analysieren, wurde als religiöse Gewissheit verstanden, der „historische Fortschritt“ treibe unausweichlich auf das sozialistische Endziel zu. „Die Geschichte“ wurde damit zu einem überhistorischen Subjekt stilisiert, dem die Mühe der revolutionären Veränderung unmenschlicher Verhältnisse überlassen werden könne. Nichts habe die Arbeiterbewegung „in dem Grade korrumpiert … wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom. Die technische Entwicklung galt ihr als das Gefälle des Stromes, mit dem sie zu schwimmen meinte“, konstatierte Walter Benjamin.
In der Tat lassen sich bei Marx Aussagen finden, die einen solchen Geschichtsdeterminismus nahelegen – die berühmten Passagen aus dem Manifest der Kommunistischen Partei, in denen die kapitalistische Produktionsweise und ihre Entwicklung als notwendige Voraussetzung und „Vorgeschichte“ des Kommunismus bestimmt werden, oder die scheinbar historisch zwangsläufige „Negation der Negation“ am Ende des 1. Bands des Kapitals.
Solche Annahmen über eine geschichtliche Notwendigkeit sind vielfach kritisiert worden und wurden spätestens seit den 1960er Jahren massiv in Frage gestellt, bis hin zum regelrechten Verbot jeder „großen Erzählung“. Allerdings ist Geschichte auch bei Marx selbst keineswegs so einheitlich bestimmt und deterministisch festgelegt, wie es in den Hauptströmungen des Marxismus erscheinen mag. Schon früh verwahrt er sich dagegen, eine Abstraktion wie „die sogenannte Geschichte“ an die Stelle des Handels der leibhaftigen Individuen zu setzen, und bei aller Bedingtheit menschlichen Handelns durch vorgefundene materielle Umstände erinnert er uns immer wieder daran, dass auch diese Umstände von den Menschen selbst gemachte sind. Auch wenn die kapitalistische Ökonomie durch ihre inneren Notwendigkeiten und Zwänge und durch ihre eigentümliche Rationalität und sogar Gesetzmäßigkeit geradezu objektiv bestimmt sein mag, so lassen sich Denken und Handeln, und mit ihnen die sozialen Bewegungen und die politischen Kämpfe, weder aus diesen ökonomischen Notwendigkeiten ableiten noch auf sie reduzieren. Und auch die geschichtliche Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft folgt, so sehr sich die Produktivkraft der Ökonomie auch stetig steigern mag, weder einer inneren Notwendigkeit oder einem linearen Fortschritt, noch ergibt sich aus ihr zwangsläufig die beständige Verschärfung von Widersprüchen oder gar quasi automatische eine endgültige Krise und die Überwindung des Kapitalismus.
Kurzum, zur geschichtlichen Notwendigkeit gehört auch die Notwendigkeit, dass die Geschichte ein offener Prozess ist – auch wenn sich die Menschen dessen nicht bewusst sind, notiert Marx, ihre „soziale Geschichte ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung“. Sie ist geprägt von sozialen und politischen Kämpfen oder von Zufällen und sie kann auch zu Niederlagen und Rückschritten führen. Marx hat gerade gegen Ende seines Wirkens, also noch nachdem er den ersten Band des Kapitals fertig gestellt hatte, die Frage umgetrieben, ob revolutionäre Umbrüche, ob eine andere Gesellschaft nicht auch unter Bedingungen möglich sein könnten, die keiner inneren Entwicklungslogik und keiner historischen Abfolge gehorchen. Könnten revolutionäre Umbrüche und neue, sozialistische Formen des Zusammenlebens nicht auch in einer Region möglich sein, deren Bedingungen aus Sicht eines Geschichtsdeterminismus noch gar nicht „reif“ dafür sind? Zum Beispiel in einem Land wie – Russland?
Die 8. Marx-Herbstschule wird sich dem Geschichtsbegriff bei Marx und der Ambivalenz von historischer Notwendigkeit und Freiheit widmen. Wir wollen damit an das Thema der letzten Herbstschule anschließen. Wurde dort „Klasse“ eher kategorial bestimmt, wird es diesmal um die historische Dimension von Kämpfen, den Begriff der Geschichte bei Marx und seine Bedeutung für die Praxis politischer Kämpfe und sozialer Bewegungen gehen.

Bereits am Freitagabend werden Renate Mohl, Nadja Rakowitz und Christian Frings in das Thema einführen und die zu lesenden Texte, ihre historischen und politischen Hintergründe und ihre Editionsgeschichte erläutern.

Am Samstagabend wird David McNally, Kanadischer Professor und Autor des mit dem Deutscher Memorial Prize ausgezeichneten Buches Monsters of the Market. Zombies, Vampires, and the Global Capitalism, über Geschichte und Notwendigkeit im Kapitalismus referieren. Die Veranstaltung findet um 19.00 Uhr im Münzbergsaal der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt und wird aus dem Englischen simultan ins Deutsche übersetzt.

Und am Sonntagmorgen werden Eva Bockenheimer und Ingo Stützle in einem Streitgespräch die verschiedenen Interpretationen zu Marx‘ Satz im Kapital diskutieren, dass „die kapitalistische Produktionsweise mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation erzeugt“ (MEW 23: 791). Diese und andere Passagen provozieren immer wieder Fragen, vor allem die Grundsatzfrage, ob sich mit Marx eine Entwicklung des Kapitalismus ausmachen lässt, die notwendig zu seinem Untergang führen wird. Bestätigt gar seine gegenwärtige globale Krise, dass der Kapitalismus auf ein Ende zusteuert? Oder lässt sich ein solcher Untergang gar nicht wissenschaftlich begründen, zumal Marx vor allem die allgemeinen „Bewegungsgesetze“ des Kapitals analysierte.

Information
Workshop
von

Datum & Uhrzeit

30.10.2015 - 16:30 bis 01.11.2015 - 13:00

Ort

Franz-Mehring-Platz 1
10243
Berlin

Anmeldung unter topraxis[at]gmail.com

Teilnahmebeitrag 10 € (Verpflegung einbegriffen)