Keine Zukunft ist auch keine Lösung

Eine Broschüre von Theorie.Organisation.Praxis B3rlin zu Digitalisierung und Kommunismus

 

 

 

 

Entstanden anlässlich des vierten ums Ganze! Kongress`reproduce(future). Digitaler Kapitalismus und kommunistische Wette, der vom 24. bis 27. November an der Universität Hamburg stattfand.

 

Mit einem Vorwort und Interview von ...ums Ganze! Kommunistisches Bündnis
 

 

Inhalt

Einleitung

1. Technik als Utopie und Verhängnis

 

TEIL 1: Kapital

1. Digitalisierung und der Status menschlicher Arbeit // 2. Wert, Algorithmus, Innovation //

3. Das ist keine Krise. Zur Katastrophisierung des digitalen Kapitalismus // 4. Digital, global, dirty. Zur Logistik // 5. Will Information frei sein?

 

TEIL 2: Subjekte

1. Proletarisierung der Welt // 2. Das entsicherte Selbst // 3. Maschinisierung des Menschen und die Liebe der Daten // 4. Neobiedermeierliche (Alb)träume und die Privatisierung der Sorge

 

TEIL 3: Welt

1. Autoritärer Wettbewerbsstaat und die politische Ökonomie des Fundamentalismus // 2. Der Mensch als Natur und als Naturmacht // 3. Die Stellung zur Technik oder die Kritik und der Wiederholungszwang // 4. Reproduce(future)

 

 

 

1. Technik als Utopie und Verhängnis

Die sozialen Verheerungen nehmen kein Ende, während die technologische Entwicklung eine beispiellose Beschleunigung erfährt: Schwarmroboter, die virtuelle Realität des Internets, Smartphones und Transrapid, vernetzte Fabriken, gentechnisch verändertes Superfood, Maschinen, die ein horizontales Netz bilden, um das Universum in der Nähe des Urknalls zu kartographieren. Auf der anderen Seite? Die Erde als Planet der Slums. Massenhafte Arbeitslosigkeit und die Auflösung des Privaten zugunsten endloser Arbeit, die Vervielfältigung tödlicher Grenzen und die allgegenwärtige Disziplinierung durch die Polizei, Unterernährung und verordneter Genuss. Am Beginn des 21. Jahrhunderts schließt sich das nicht aus. Mehr noch: Die Technik ist Teil der Katastrophen. Drohnen werden zum Morden eingesetzt, der Einsatz von Agrarrobotern zwingt Menschen in Lebens- und Arbeitsbedingungen zurück, die denen des frühen Mittelalters ähneln, der islamistische Terrorismus orientiert seine blutige Propaganda der Tat an der Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Netzwerke und der Spektakellogik des Bilderjournalismus.

 

Dabei sind Utopie und Technik verschwistert. Die Aufklärung formulierte angesichts dessen, was sie als die zunehmende wissenschaftlich-technische Beherrschbarkeit der Natur wahrnehmen musste, ein dynamisches Weltbild: Die Dinge sind veränderbar. Die Maschinen sollten das Leben leichter machen und das Tor zum »Reich der Freiheit« weit aufstoßen. Indem das utopische Denken die Technik als solche zur befreienden Kraft erklärt, verschleiert es, dass diese gleichzeitig Teil gesellschaftlicher Verhältnisse ist. So können die Maschinen zwar bereits heute dem Menschen Tätigkeiten abnehmen, die lebensgefährlich oder mindestens lästig sind. Gleichzeitig gilt aber, dass, wo Kapitalismus herrscht, die Menschen ihren Lebensunterhalt sichern, indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese Arbeit, mag sie sich noch so massiv verändern, soll und kann bedauerlicherweise gar nicht verschwinden. Stattdessen finden wir uns schon in unserem Alltag – nicht erst in dessen dystopischem Zusammenbruch – eingespannt in Mensch-Maschine-Technologien, die Normen und Standards für optimale Arbeitsabläufe, Vorgaben für Arbeitsschritte und erreichbare Leistung schaffen. Die technologische Entwicklung ist mit Herrschaft verbunden und nicht mit der Hoffnung auf Befreiung von dieser Herrschaft.

 

Es ist daher notwendig, die aktuellen Veränderungen im Licht der kapitalistischen Moderne und ihrem Verhältnis zur Technik zu betrachten. Technik meint hier nicht einzelne Maschinen, aber auch nicht techné im antiken Sinne (handwerklicher) Fertigkeiten. Unter Technik verstehen wir das System der Elemente, in und mittels dem sich das gesellschaftliche Leben vollzieht. Technik vermittelt den Zugriff aller Sphären der Gesellschaft und deren Beherrschung. Die Digitalisierung scheint uns dabei das dominante Moment der derzeitigen Veränderungen dieses Systems darzustellen. Sie ermöglicht neue Automatisierungsschübe und ist als Informationstechnologie zugleich eine Metatechnologie, welche die Rekombination vorhandener Technologien zu neuen technologischen Systemen erlaubt. Mit Blick auf die Digitalisierung lassen sich deshalb, so die diesem Text zugrunde liegende Annahme, aktuelle Tendenzen und deren Position angesichts der Widersprüche des Kapitalismus herausarbeiten. Politische Kämpfe sind in ihrem Bezug auf diese Entwicklungen zu befragen, um den Horizont emanzipatorischer Veränderungen neu zu vermessen.

 

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reproduce(future) ist eine Anweisung in einer imaginären Programmiersprache. Die Syntax dieses Ausdrucks entspricht derjenigen vieler Programmiersprachen: reproduce ist eine Funktion, future der Input (Argument, Parameter) dieser Funktion. Wir übergeben der Funktion etwas, sie manipuliert es und erledigt damit eine Aufgabe. Ist der Code der Funktion unzugänglich, sehen wir nicht, wie sie berechnet, was sie implementiert. reproduce(future) kann als maschinische Anweisung des Kapitals verstanden werden. Was sie macht, unterliegt nicht der Entscheidung eines Individuums oder einer Gruppe. Automatisch setzt sie das Bestehende immer wieder ein, in diesem Fall die Aufrechterhaltung der Rahmenbedingung zur fortgesetzten Verwertung des Werts. Sie reproduziert die Zukunft, in dem sie diese auslöscht. Das ist der Kapitalismus als Technik. reproduce ist eine Blackbox. Herauszufinden, wie sich der Kapitalismus reproduziert, heißt, diese Blackbox zu öffnen. Dabei können wir uns nicht damit zufrieden geben, bloß ihre Input-Output-Relationen zu verstehen. Wir müssen zunächst ihre Funktionsweise selbst betrachten. Darüber hinaus gilt es aber auch, zu zeigen, dass es sich beim Kapitalismus gerade nicht schlicht um eine Maschine handelt, sondern um soziale Beziehungen. Die Frage nach der Reproduktion des Kapitalismus kann also nicht ohne die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation gestellt werden. Die Widersprüche, die sich hier zeigen, sind keine Macken im Code, die wegoptimiert werden können, sondern elementarer Bestandteil der Funktionsweise des Kapitalismus selbst. Sie machen gleichzeitig seine Überwindung möglich. Das erlaubt es uns, eine emanzipatorische Zukunft ins Auge zu fassen. In diesem Sinne ist reproduce(future) aber auch ironisch gemeint. Kein Programm und keine Maschine kann uns die politische Arbeit abnehmen. Emanzipation bedeutet, sich gegen die Automatismen zu wenden, die wir selber durch unser Handeln täglich wieder einsetzen, und sie der gemeinsamen Entscheidung zu öffnen. Weder die befreite Zukunft noch die Befreiung lässt sich an einen Algorithmus delegieren. So verstanden ist reproduce eine unmögliche Funktion. Die (Re-)Produktion einer wünschenswerten Zukunft der Gattung Mensch bleibt zugleich auf die Technik angewiesen. Deshalb gilt es sich den Code der gesellschaftlichen Reproduktion verfügbar zu machen, ihn gemeinschaftlich und in Hinblick auf das Gemeinsame einzurichten. reproduce(future) verweist auf das emanzipative Potential der Technik.

 

Versuche, Digitalisierung als automatische Entwicklung hin zu einem wie auch immer gearteten Postkapitalismus zu verklären,i wie auch die Befürchtung, die Technik sei ein eigenmächtiger oder gar schicksalshafter Herrschaftszusammenhang, dem wir ausgeliefert sind, sitzen dem Fetisch der Warengesellschaft auf.ii Sie verfehlen die relevanten Fragen bereits im Ansatz. Und sie streichen die sozialen Kämpfe durch, deren Rahmen die Maschinen mitbestimmen und die umgekehrt unseren Umgang mit und Zugriff auf diese entscheidend beeinflussen. Diese Vereindeutigungen der widersprüchlichen Verfasstheit der Technik im Kapitalismus führen einen Konflikt innerhalb der Linken in Bezug auf die Technik erneut auf, den es gibt, seit es den Kapitalismus gibt. Offenbar erneuert er sich mit jedem technologischen Entwicklungsschub. Gerade in ihrer beständigen Wiederaufführung verweisen diese Vereindeutigungen aber darauf, dass die Frage nach der Technik wohl zu stellen bleibt und dass sie anders gestellt werden muss: Wie können wir die Maschinen – und mit ihnen uns – vom Kapitalismus befreien?iii

 

TEIL 1

Kapital

Die Prozesse der Digitalisierung gehen mit einer tiefgreifenden Veränderung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit einher, auch wenn diese Veränderungen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise und unter ihren Bedingungen stattfinden. Die technologische Entwicklung ist dabei zugleich Ursache für und Reaktion auf die Verwertungsbedingungen und -schwierigkeiten des Kapitals. Die folgenden Kapitel skizzieren einige der Veränderungen und befragen sie in ihren Konsequenzen für eine radikale Kapitalismuskritik. Dabei betrachten wir (1) die Frage nach der Mehrwertproduktion im digitalen Kapitalismus, (2) die Transformation des Weltmarktes und (3) den Status digitaler Güter.

 

1. Digitalisierung und der Status menschlicher Arbeit

Die Digitalisierung ist keine Revolution. Aber sie verändert die Modalitäten, unter denen die Organisation gesellschaftlicher Reproduktion innerhalb des Kapitalismus stattfindet. Sie ist zentrales Element eines neuen Akkumulationsregimes, das den Fordismus ablöst.iv So sehr die Digitalisierung dabei auf der fordistischen Automatisierung der menschlichen Arbeit ebenso wie auf ihrer postfordistischen Flexibilisierung aufbaut, stellt sie sich gleichzeitig ideologisch als deren Ablösung dar. Das Überflüssigwerden der Arbeit durch die Techniken des Digitalen, das wohl in jeder anderen gesellschaftlichen Formation begrüßt werden würde, erscheint den Arbeiter_innen als Drohung. Diese Drohung ist in der absurden Frage, ob die Maschinen uns die Arbeit wegnehmen ideologisch aufgehoben. Die Frage nach einem Mehr an freier Zeit für uns alle, scheint gar nicht mehr gedacht werden zu können. Zugleich ist Sozialchauvinismus das Ressentiment der Stunde: Wer nicht durch seine Arbeit zum gesellschaftlichen Reichtum beiträgt, soll auch nicht an ihm teilhaben. Der Inhalt der Arbeit ist nebensächlich, solange nur überhaupt gearbeitet wird. Das drückt nicht nur den Lohn, sondern legitimiert auch die Entsicherung der Arbeitsverhältnisse und brutale Arbeitsbedingungen. Diese scheinbare Widersprüchlichkeit stellt innerhalb des Gefüges von Kapitalismus und Nationalstaat, wie es sich in den kapitalistischen Zentren für die Nachkriegsdekaden stabilisiert hatte, eine für die Organisation gegen den Kapitalismus einschneidende Verschiebung dar.

 

Wie bei allen bisherigen technologischen Entwicklungsschüben im Kapitalismus – man denke an die Einführung mechanischer Webstühle Mitte des 19. Jahrhunderts und den erbitterten Kampf der Arbeiter_innen gegen sie –, werden im Zuge der Digitalisierung Arbeitsprozesse und damit Arbeitsplätze obsolet, während neuentstehende Produktionszweige einen Teil der Arbeitskräfte absorbieren. Oft sind diese Arbeitsplätze allerdings weniger arbeitsintensiv. Es sieht vorerst danach aus, dass mehr Arbeitsplätze durch die Automatisierung wegfallen als entstehen.v Disqualifizierung körperlicher Arbeit auf der einen Seite und Zentralität geistiger und affektiver Arbeit im Zuge der fortschreitenden Automatisierung auch komplizierter manueller Tätigkeiten auf der anderen Seite verweisen auf eine Veränderung der Arbeit selbst: Die Arbeiter_innen treten, so formuliert es Karl Marx in Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1858), verstärkt »neben den Produktionsprozess«, statt ihr »Hauptagent zu sein.« Sie werden zum »Wächter und Regulator«.vi Grob lässt sich diese Entwicklung als eine Verschiebung von der Herstellung zur Entwicklung, von der Hardware zur Software, von der Industrie zur Dienstleistung charakterisieren. Rosa Luxemburg bestimmt diese Entwicklungstendenz in Die Akkumulation des Kapitals (1913) sogar als ein allgemeines Gesetz der Arbeit. Je höher die Produktivität der Arbeit, desto kürzer die Zeit, die die Herstellung eines Produkts einnimmt. Das führt dazu, dass immer mehr Arbeitszeit zur Herstellung von Produktionsmitteln und nicht zur Herstellung von Konsumgütern eingesetzt werden kann und wird. Es ist allerdings für uns nicht ausgemacht, in welchem Maße dieses Entwicklungsgesetz auf die Arbeitsorganisation insgesamt durchschlägt. Deutlich ist jedoch bereits, dass die Automatisierung selbst, die Qualifizierung zur Automatisierung wie die fortlaufende Wartung, Pflege und Reparatur von Maschinen massiv Arbeit und Kosten nach sich ziehen. Das Merkmal der derzeitigen Konstellation von Mensch und Maschine ist deshalb ihre unendliche Verschränkung, die sich idealtypisch in einem kybernetischen Regelkreis darstellen lässt: Die Maschine wird vom Menschen überwacht, der von einer Maschine überwacht wird, die von einem Menschen, usw.

 

Ein entscheidendes Element in der ideologischen Entwertung großer Teile der Lohnarbeit stellt deswegen die Allgegenwart finanzialisierter Formen des Kapitals – Ratings, Derivate, Hedgefonds, Dark Pools usw. – dar. In diese scheinen die Arbeiter_innen nur mehr als mindere Faktoren einzugehen. Daraus folgt eine nachgeordnete Rolle der Arbeit in der Bewertung der Kapitale. Kein Wunder, dass Firmen anstreben, in den Börsenindexen dieser Welt als Tech-Companies geführt zu werden. So vermitteln sie ihren Investoren, dass zwar in der Entwicklungsphase hohe »Front-Up Kosten« entstehen, dafür aber in der Folge Gewinne nahezu ohne kostenintensiven Arbeitseinsatz eingefahren werden können. Infolgedessen haben diese Firmen Interesse daran, die tatsächlich notwendige Arbeit auszulagern und unsichtbar zu machen.

 

2. Wert, Algorithmus, Innovation

Die Ideologie der finanzialisierten Wertproduktion trägt zur neuen Unübersichtlichkeit bei. Die Rolle, die für ihre Durchsetzung der Wegfall der Systemkonkurrenz 89/90 gespielt hat, ist dabei nicht zu unterschätzen. Diese Ideologie geht davon aus, dass Wert einerseits unabhängig von menschlicher Arbeit im finanzialisierten Sektor des Kapitals erzeugt werden könne, und dass andererseits die Maschinen selbst wertschöpfend seien. Der Kapitalismus bleibt jedoch abhängig von der lebendigen menschlichen Arbeit. Nur die Verwertung der Ware Arbeitskraft produziert Mehrwert. Der Wert aller Waren, der Produktionsmittel und der Ware Arbeitskraft, bemisst sich nach der zur Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Aber nur die Ware Arbeitskraft als zu verkaufendes Gut eines freien Rechtssubjekts erhält einen Lohn zur selbständigen Reproduktion und wird dadurch zum Vermögen, mehr Werte zu produzieren, als sie selbst zur Reproduktion benötigt. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil menschliche Reproduktion aus Sicht des Kapitals kostenfrei ist. Die (in der Regel noch immer von Frauen*vii besorgte) Reproduktionsarbeit ist zumeist unentlohnt, das Warten und Reparieren von Maschinen dagegen findet in Lohnarbeitsverhältnissen statt. Maschinen übertragen ihren Wert auf neue Waren, verschleißen und werden anschließend durch neue ersetzt. Dagegen sind beide, das freie Rechtssubjekt und die Herstellung seiner günstigen Verwertungsbedingungen, u.a. durch nicht-entlohnte Tätigkeiten, nötig für die Kapitalakkumulation. Mit ein bisschen Phantasie kann man sich vorstellen, dass in Zukunft Roboter Arbeitsverträge abschließen, während Menschen sie pflegen und dafür von dem Lohn der Roboter leidlich versorgt werden. Gegebenenfalls könnten diese Maschinen dann, ausgestattet mit dem passenden Rechtsstatus, Wert erzeugen. Bis es soweit ist, bleiben wir bei der Marxschen Orthodoxie: Maschinen erzeugen keinen Wert.

 

Darauf zu beharren, heißt aber nicht, zu leugnen, dass sich einiges im Produktionsmittelarsenal des Kapitals getan hat. Ein wesentliches Produktionsmittel des digitalen Kapitalismus ist der Algorithmus. Er ist das Herzstück von Programmen und deren Arbeitsgrundlage. Algorithmen schreiben vor, wie eine Software mit Daten umgehen soll. Aus der Perspektive des Kapitals handelt es sich beim Algorithmus, wie schon bei der Maschine, schlicht um konstantes Kapital. Das Kapital ordnet den Einsatz des Algorithmus der Kapitalakkumulation unter und verwirklicht so nur diejenigen seiner Möglichkeiten, die diesem Zweck dienen. Der Algorithmus ist aber zugleich, wie jedes Produktionsmittel, vergegenständlichtes gesellschaftliches Wissen. Wissen ist ein differenzieller Zusammenhang, in dem kein Faktum, kein Datum, keine Erkenntnis für sich alleine stehen kann, sondern immer auf andere Einsichten verweist. Diesen Zusammenhang zu reproduzieren, ist dementsprechend keine Einzelleistung eines isolierten Individuums, sondern Produkt gemeinschaftlicher Zusammenarbeit.

Das bedeutet für das Kapital, dass es den Zugriff und die Verfügbarkeit dieses Wissens möglichst sucht verschlossen zu halten.viii Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen. Zum einen ist das im Algorithmus vergegenständlichte Wissen vom Kapital in einer bestimmten Weise formatiert und formalisiert. Im Algorithmus drückt sich ein bestimmtes Welt- und Gesellschaftsverständnis aus. Der Algorithmus basiert auf bestehendem Wissen, ist gleichzeitig aber auch Beitrag zur Wissensproduktion. Das heißt aber auch, dass die Möglichkeiten, die ein bestimmter, in dieser Weise geschaffener Algorithmus bietet, in seiner Funktion als konstantes Kapital, nicht notwendigerweise ausgeschöpft werden.ix Zugleich ist es genau dieser Überschuss, der selbst wiederum vom Kapital produktiv gemacht werden kann und muss, wobei dann wieder neue Entwicklungen und neue Überschüsse entstehen. Es ist also nicht so, dass der Kapitalismus quasi nur parasitär auf den menschlichen bzw. gesellschaftlichen Fähigkeiten aufsitzt, sondern dass sich beide wie geschildert miteinander hervorbringen – schließlich wäre die Sammlung des Wissens ohne den Algorithmus überhaupt nicht erfolgt –, ohne allerdings ineinander aufzugehen, was den Prozess beenden würde. Besonders eindrücklich zeigt sich dieses komplexe Verhältnis in jenen Algorithmen, für die ihre Benutzung selbst ein zentrales Element ihrer Funktionsweise ist, etwa Algorithmen von Suchmaschinen oder innerhalb sozialer Netzwerke. Gegenüber der in der Benutzung gesammelten gigantischen Menge an, im Programm akkumulierten Wissen, ist die Beteiligung jedes einzelnen Nutzers verschwindend gering. Als realpolitisches Programm gehen daher Forderungen, wie beispielsweise nach einem Lohn für individuelle Aktivitäten auf Facebook, fehl.x Zugleich wäre der Algorithmus allerdings ohne die Nutzung der einzelnen Nutzer auch im Kapitalismus wertlos. Die enorme Leistungsfähigkeit von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken basiert alleine auf deren massenhafter Nutzung. Denn nur so wird ein soziales Netzwerk oder eine Suchmaschine zu einem verlässlichen Knotenpunkt zur Extraktion von verwertbaren Informationen über die Benutzer_innen und zu einer reichweitenstarken Werbeplattform.

 

Die zweite Konsequenz aus den Bestrebungen, den Code der Algorithmen unverfügbar zu machen, zeigt sich an den verheerenden Auswirkungen, die der Einsatz von Algorithmen für Einzelpersonen und die Gesellschaft haben. Algorithmen werden zunehmend zur Unterstützung oder gar zum Ersatz von Entscheidungen im Rechtssystem, auf dem Arbeitsmarkt und der Vergabe von Krediten eingesetzt. So wird unsichtbar, wieso eine Verurteilte ein bestimmtes Strafmaß erhält, aus welchen Gründen Lehrer_innen entlassen werden oder warum Kredite zu welchen Konditionen vergeben werden. Dabei reproduzieren Algorithmen herrschende Vorurteile, gerade weil sie und die Datensätze, mit denen sie gefüttert werden, auf gesellschaftlichem Wissen basieren und so gewissermaßen das Gesellschaftsverhältnis in sich tragen.xi

 

Wie für jede Technik gilt auch hier, dass der Algorithmus nicht per se eine undurchschaubare und intransparente Macht ist. Trotzdem ist ein Algorithmus nicht automatisch verständlich, nur weil sein Code verfügbar ist. Gerade lernende Algorithmen, die auf komplexer Mathematik und statistischen Verfahren basieren, sind nicht in ihrer Funktionsweise vorprogrammiert und damit auch für Expert_innen schwer bis gar nicht zu durchschauen.xii Algorithmen sind demnach nicht nur wegen der Unverfügbarkeit ihres Codes zu problematisieren, sondern weil ihre Funktionsweise, ihre Axiomatik und ihre Ziele mitunter für niemanden, einschließlich ihrer Entwickler_innen, überschau- und kontrollierbar sind. Gleichzeitig folgen sie aber nicht einfach einer eigenen, unmenschlichen, intransparenten Logik. Vielmehr verweist dieser Umstand erneut auf den gesellschaftlichen Charakter lernender Algorithmen. Sie folgen zwar nicht unmittelbar den Vorgaben eines einzelnen Menschen oder eines Unternehmens. Doch die Daten, mit denen sie gefüttert werden und lernen, sind genauso wenig wie die Algorithmen selber gesellschaftlich unabhängig. Ihre Erhebung – entweder durch Menschen oder wiederum algorithmisch – ist bereits eine Form der Abstraktion und in diesem Sinne gesellschaftlich vermittelt. Das führte für Microsoft jüngst zu einem PR-Desaster, als ihr Twitter-Bot Tay – der aus den Tweets anderer User_innen und den Interaktionen mit ihnen lernte – innerhalb weniger Stunden zum sexistischen und Hitler-liebenden Twitter-Troll mutierte. Dass Microsofts Vorführung der eigenen Innovationsfähigkeit auf so peinliche Weise scheiterte, lässt außerdem fraglich werden, welchen Nutzen die Innovation überhaupt hätte haben sollen. Sie wird vor allem zum Wettbewerbsvorteil und Marketingeffekt. In vielen Fällen handelt es sich vielleicht sogar um ›Scheinneuheiten‹, die ein Hardwareupdate legitimieren sollen. In jedem Fall bleibt ihre Funktion für das menschliche Zusammenleben, also ihr Gebrauchswert, notwendig unbedeutend gegenüber ihrer Rolle in der kapitalistischen Verwertung.xiii

 

3. Das ist keine Krise. Zur Katastrophisierung des digitalen Kapitalismus

Die sich in der Konkurrenz zwischen den einzelnen Kapitalen immer stärker beschleunigende Produktivkraftentwicklung verschiebt die Zusammensetzung der Einzelkapitale zu Gunsten des konstanten Kapitals. Der im digitalisierten Kapitalismus noch weiter reduzierte Anteil an Arbeitszeit, die sich in der einzelnen Ware vergegenständlicht, bedeutet eine krisenhafte Verschärfung der Verwertungsbedingungen des Kapitals. Sie drückt sich in seiner fortgesetzten Destabilisierung aus. Rückgänge der Profitrate etwa in klassisch industriellen Sektoren, und ihr kurzfristiger nomineller Anstieg in anderen, stehen nebeneinander und ergeben keine langfristigen Wachstumstendenzen mehr. Da die durch Finanzialisierung algorithmisch aneinander geketteten Kapitale, wie die Krise 2008ff demonstriert hat, auch miteinander fallen, folgt auf ihre Krise keine Stabilisierung, sondern ihre fortgesetzte Katastrophisierung.xiv Während Krisen immer auch als Durchgangsstadien zu neuen Akkumulationszyklen fungieren, markiert die Katastrophisierung das Ende des klassischen Krisenzyklus. Er wird abgelöst durch die Katastrophe, zumindest in den ehemaligen kapitalistischen Zentren. Krise folgt auf Krise. Konsolidierende Strategien des Kapitals dagegen sind einerseits die Entsicherung von Beschäftigungsverhältnissen, Renten und Versicherungen, die fortgesetzte Kommodifizierung bislang unbezahlter Tätigkeiten, die weitere Automatisierung (auch qualifizierter) Arbeiten und personenbezogener Dienstleistungen, Ausweitung der globalen Arbeitsteilung auf Grundlage digitaler Kommunikation und logistischer Produktionsketten sowie eine fortgesetzte Verlagerung des Kapitals in den Bereich des Finanzmarktes.

 

Ist das Kapital in seinen Akkumulationszyklen immer auf solche Strategien angewiesen gewesen, führt die Digitalisierung zu einer qualitativen Veränderung. Die Digitalisierung ist zum Fluchtpunkt dieser Strategien aufgestiegen, weil sie erstens zuvor miteinander unvergleichbare menschliche Tätigkeiten und Industrien formalisierbar und automatisierbar macht und zweitens eine Beschleunigung rechnerischer Prozesse weit über das Maß menschlichen Vermögens hinaus erlaubt. Umgekehrt beschleunigen diese zur Stabilisierung eingesetzten Strategien jedoch selbst mikro- und makroökonomische Krisentendenzen in einem solchen Maße, wie es die fortlaufende Bildung und Verschiebung von Finanzblasen und deren beständiger oder drohender Kollapse demonstrieren. Die unter dem Schlagwort Finanzmarktkapitalismus zusammengefassten Phänomene verweisen in ihrem Kern auf einen Prozess, in dem Ausbeutung aufgrund einer zeitlichen und/oder räumlichen Entkoppelung von Kapital und Arbeit äußerst vermittelt stattfindet. Mittels der Finanzialisierung kann das Kapital Arbeitsverhältnisse gerade durch seine Trennung von der Mehrwerterzeugung beherrschen. Das intensiviert die Auswirkungen der Kapitalvermehrung über Techniken der massenhaften Verschuldung, die ihm direkten Zugriff auf die Bedingungen der Zinsrückzahlungen und Entschuldung gewähren, verschärfter Ausbeutung, Umverteilung und direkter Aneignung; Privatisierungen der Gewinne, Vergesellschaftung von Verlusten. Teile des Finanzkapitals haben sich von der Mehrwertgenerierung scheinbar losgelöst und bilden durch ihre Bewegungen Finanzblasen. Diese müssen dabei jedoch immer wieder von der letztlich notwendigen Deckung durch die Mehrwerterzeugung getrennt werden – oder sie platzen. Die Vorwegnahme von Werten, die Derivatenstruktur des finanzialisierten Kapitalismus, wird durch Verschuldung auf zukünftige Verwertung geltend gemacht. Derivate gehen nicht in die Mittel der Produktion ein, sie werden nicht in Arbeitskraft und Produktionsmittel investiert. Die Streitfrage bleibt dabei, ob und wie die Derivate vermittelt die Produktivität der Kapitalakkumulation steigern, indem sie etwa Kapitalströme lenken und die Verwertungsbedingungen maßgeblich beeinflussen, oder eben nicht. Die mit ihrer Ausdehnung einhergehende unheimliche Beschleunigung steht fest. Sicher sind in diesem Akkumulationsregime nur noch die Krisen.

 

4. Digital, global, dirty. Zur Logistik

Der digitale Kapitalismus findet nicht allein in den luftigen Höhen der Clouds statt, sondern formt auch die Produktionsbedingungen on the ground um. Dem Kapitalismus wohnt der Drang zur Expansion inne. Die Schaffung neuer Märkte erhält ihn genauso am Leben, wie jene Prozesse des Raubs und der Enteignung, die Karl Marx etwas gewunden als sogenannte ursprüngliche Akkumulation bezeichnet hat.xv Deswegen war Logistik in einem weiten Sinne schon immer konstitutiver Bestandteil der arbeitsteiligen Aneignungs-, Produktions- und Tauschprozesse im Kapitalismus. Technische Innovationen im Transport und der Navigation waren zentral für die aufeinanderfolgenden Schübe, die aus dem Kapitalismus eine welterobernde und -umspannende Vergesellschaftungsform gemacht hat. Im globalen Kapitalismus kommt der Verteilung, Lagerung, Unterbringung sowie dem Transport von Arbeitskräften und Waren von A nach B dabei eine ungleich fundamentalere Rolle zu. Die Logistik stellt den Ablauf der Wertschöpfungsprozesse sicher und optimiert sie: Just-in-Time-Production, Supply-Chain-Management. Mit der globalen Verteilung des Produktionsprozesses in internationaler Arbeitsteilung lassen sich Logistik und Produktion kaum noch kategorisch voneinander trennen. Produktionsprozesse finden heute über einen logistischen Raum hinweg statt.

 

Die Logistik, deren moderne Form sich wie die Digitalisierung aus der Kybernetik – das heißt aus der Lehre sich selbstoptimierender Systeme, wie sie besonders in der Flugabwehr und dem Truppentransport des Zweiten Weltkrieg einen Entwicklungsschub erfahren hat – speist, ist dabei eine Verkörperung der digitalen Logik: Standardisierung, die für die Automatisierung notwendig ist, Automatisierung, die weitere Standardisierung nach sich zieht. Ihr Ziel ist das Produktivmachen jeglichen logistischen Umschlags. Der Container ist das Paradigma dieses Prozesses und zugleich sein Sinnbild. Wo zuvor verschieden beschaffene Tonnen, Kisten und Säcke verladen werden mussten, bietet der Container standardisierte Maße, so dass seine Verladung und sein Transport weitgehend automatisiert werden kann. Der Container ist das Format des globalen Warentauschs. Speditionen konnten auf diese Weise massiv Arbeitskräfte für die Verladung der Waren in den Häfen einsparen. Während sie so den Anforderungen der globalisierten Produktions- und Handelsketten gerecht werden konnten, trug der Container zugleich zu deren Umbau bei, indem er neue Raum- und Zeitorganisationen erlaubte.

 

Diese Containerisierung bedingt also die zentrale Rolle der Logistik für die Verteilung, Lagerung, Unterbringung sowie den Transport von Arbeitskräften und Waren. Doch das Bild einer perfekten Tetris-Session täuscht. Die Bedeutung der Logistik hat auch damit zu tun, dass weder Raum noch Menschen beständig einfach so nach den Erfordernissen des Kapitals umgeformt werden können.xvi So sind etwa die für die Produktion von Smartphones und Computern so dringend nötigen Erz- und Mineralvorkommen nicht nur selten, sondern auch an ganz konkrete Orte gebunden, und damit an ihre spezifischen politischen, ökonomischen, sozialen, rechtlichen und geologischen Bedingungen: Hier treffen sich Wirtschaftsminister_innen, Warlords und CEOs zum fröhlichen Stelldichein. Infrastruktur ist das Stichwort, unter dem die ständige Optimierung dieser auf allen Ebenen intensivierten und ausdifferenzierten Abhängigkeiten verhandelt wird. Sie wird einerseits – allerdings bei weitem nicht exklusiv – weiterhin von Nationalstaaten bereitgestellt und gepflegt, weil die einzelnen Staaten den Kapitalen in der Staatenkonkurrenz günstige Bedingungen zu schaffen suchen. Andererseits ist Infrastruktur sowohl den transnationalen Bedingungen des Weltmarkts wie den lokalen Bedingungen vor Ort unterworfen. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Institutionen, Akteure, etc. macht die Lage komplexer, als es die Anrufung staatlicher Souveränität einerseits, die Metaphern von Finanzströmen und Datenflows andererseits nahelegen. Zu solchen Bedingungen gehören umgekehrt aber auch erkämpfte Arbeitsrechte und gewonnene Lohnkämpfe, die auf der Stärke der organisierten Arbeiter_innenschaft beruhen, wie der oft große Widerstand dörflicher Gemeinschaften gegen die Aneignung und Umwandlung von Land. Die Logistik dient dazu, genau diese Schwierigkeiten produktiv zu machen, Produktionsverlagerungen oder -aufteilungen zu ermöglichen, Hindernisse im Zweifel zu umgehen, Widerstandskräfte zu brechen.

 

Vor dem Hintergrund der digitalen Automatisierung verlagert sich in den ehemaligen Industriestaaten der Schwerpunkt menschlicher Arbeit von der Produktion industriell gefertigter Massenprodukte auf die Produktion von Produktionsmitteln (Maschinen, Roboter, Programme) einerseits und in die (Re)Produktion der Ware Arbeitskraft (Sorgearbeit, Kulturindustrie) andererseits. Mit dieser Verschiebung festigen sich globale Ungleichheiten, beispielsweise zwischen Volkswirtschaften, die Produktionsmittel herstellen, und solchen, die sie importieren. Dominante Kapitalfraktionen sowie politische Eliten des ehemals führenden Maschinenbau-Standorts Deutschland setzen unter dem Stichwort Industrie 4.0 auf den Ausbau, die Entwicklung und Erforschung cyber-physischer Maschinen, des Internets der Dinge und des Cloud-Computings, um auf dem globalen Markt für digitale Maschinerie weiterhin den Ton angeben zu können. Die Unterordnung der gesamten Wertschöpfungskette und Arbeitswelt unter die Logik der Digitalisierung läutet eine neue Runde in der internationalen Staatenkonkurrenz ein. Die Zentralität der globalen Vernetzung mittels der Logistik bildet aber auch einen Ort der Störung und Intervention. Je mehr Bedeutung dem zeitsensiblen Transport von Gütern und Menschen zukommt, desto zentralere Position haben die Maschinen und Arbeitskräfte, die diesen steuern, kontrollieren, überwachen und sicherstellen. So könnte bereits ein kurzer Streik weniger Mitarbeiter_innen oder die Sabotage eines einzelnen Elements der Kette massive Kosten hervorrufen. Logistik als Modell, Fluchtpunkt und Praxis eröffnet einen Raum, in dem wir über Chancen und Nutzen einer vernetzten Welt für und in einer befreiten Gesellschaft nachdenken können. Den konkreten Möglichkeiten, die sich eröffnen, kann aber erst nachgehen, wer das Phantasma einer homogenen und bereits zum Selbstbewusstsein gekommenen Arbeiter_innenklassexvii zusammen mit Staatssozialismus und nationaler Befreiung in die Mottenkiste des 20. Jahrhunderts sperrt.xviii

 

5. Will Information frei sein?

Das spannungsreiche Verhältnis zwischen den in der Produktivkraftentwicklung liegenden Möglichkeiten und ihrer je konkreten Aktualisierung unter gegebenen Produktionsverhältnissen zeigt sich nicht zuletzt an digitalen Gütern und ihrem Warencharakter. Digitale Güter zeichnen sich unter anderem durch ihre scheinbar unbegrenzte Reproduzierbarkeit aus. Information muss allerdings gespeichert, gewartet und verteilt werden. Der Energiebedarf zur Speicherung der Daten von Facebook entsprach im Jahr 2012 dem von Burkina-Faso. Der Anteil des Internet- und Kommunikationsnetzes am weltweiten Energieverbrauch liegt bei 10%. Darüber hinaus werden zur Produktion von Hardware (vor allem von Speichermedien) Metalle seltener Erden und Koltan benötigt, deren Extraktion enorme gesundheitliche und ökologische Belastungen mit sich bringt und oft in entsicherten Arbeitsverhältnissen und unter katastrophalen Bedingungen stattfindet. Wo klassische Güter zumindest qua ihrer unmittelbaren Stofflichkeit noch auf die für ihre Herstellung notwendige Arbeit und Ressourcen hinweisen, auch wenn sowohl für ihren Tausch- als auch ihren Gebrauchswert diese materielle Beschaffenheit irrelevant ist, behauptet sich Information als gegenüber der materiellen Beschaffenheit ihres jeweiligen Mediums indifferent. Das liegt aber nicht in ihrer angeblichen Immaterialität begründet, sondern darin, dass die Materialität von Informationen fragmentiert ist und im Netzwerk globaler Arbeitsteilung und Logistik diffundiert.

 

Ist diese Basis einmal hergestellt, erscheinen digitale Güter ohne den Mehrkosten produzierenden Material- und Arbeitseinsatz unbegrenzt reproduzierbar. Für die sie produzierenden bzw. mit ihnen handelnden Kapitale tendieren ihre Grenzkosten gegen Null. Gleichzeitig hebt sich ihr Tauschwert damit allerdings auf. Mehr noch: Da digitale Güter Informationen kodieren, hat ihr Gebrauchswert den Charakter des »gewusst-wie«, besteht also im Wissen über ihre Nutzung und Anwendung.xix Dieses Wissen kann im Prinzip als bekannt vorausgesetzt werden, sobald es einmal verfügbar ist. Das Kapital versucht entsprechend, den Gebrauchswert in Warenform zu pressen, d.h. nicht das Wissen bzw. die Information selbst zur Ware zu machen, sondern ihre Anwendung, Nutzung und ihren Zugang. Staaten gewähren heute Gebrauchswerteigentum an digitalen Waren in Form von »intellectual property«. Der erbitterte Kampf um deren Rechtsgrundlage zwischen den Verfechter_innen von OpenSource-Ansätzen und den Anwält_innen der digitalen Kapitale scheint vorerst entschieden. Auf Streamingplattformen und mittels Zugangsbeschränkungen erheben Besitzer_innen digitaler Waren eine Informationsrente von den Nutzer_innen. Der über Plattformen organisierte Zugang zu Information bietet den Anbieter_innen ein enormes Maß an Kontrolle über ihre Daten. So kann es kommen, dass auf einmal Musikalben oder Filme aus der eigenen Library verschwinden. Aufsehenerregender war zuletzt das Gegenteil: Nutzer fanden auf ihren Ausgabegeräten das neue Album der irischen Rockband U2. Haben wollten sie es nicht, es zu entfernen, stellte sich allerdings als einigermaßen vertrackt heraus.

 

Die zahlreichen Plattformen legen nahe, dass Information und Daten kostenlos und unendlich geteilt und vervielfältigt werden können. Dem entgegen sehen wir darin in erster Linie konsolidierende Strategien des Kapitals, um Raubkopien zu verhindern und das Verwertungspotential digitaler Aktivität von Benutzer_innen voll auszuschöpfen. In diesem Zusammenhang kommt es vermehrt zu Monopolbildungen, wie sie Transformationen des Kapitalismus immer begleitet haben. Die Unternehmen des digitalen Kapitalismus konkurrieren um Anwender_innen als ihre Kundschaft, indem sie ihre Angebote aneinander anpassen, oder Innovationen und ähnliche Dienste aufkaufen und integrieren. So versuchen sie, ihre Plattformen zu schließen und die Konkurrenz auszuschalten. Indem sie den Zugang zur digitalen Information kontrollieren, etwa mittels der Architektur der Plattformen, auf der die Informationen zu finden sind, beherrschen sie die Vermietung des Gebrauchswerts. Im Gegensatz zu vergangenen Monopolbildungen entscheidet hier allerdings nicht länger die Knappheit der Güter und deren Kontrolle, sondern die Versammlung der größten Menge an Nutzern, über Erfolg und Scheitern in der digitalen Ökonomie.

 

So hat sich ein Geschäftsmodell herausgebildet, das Zugang zu Informationen gratis anbietet und dessen eigenes Verkaufsprodukt die Spuren sind, welche die Nutzer_innen hinterlassen. Das ist besonders nachdrücklich an solchen Plattformen zu erkennen, auf denen die Aktivität der Nutzer_innen gleichzeitig zur Qualität des angebotenen Dienstes beiträgt: Nur dort, wo möglichst viele User aktiv sind, wächst einem sozialen Netzwerk Wert zu, verbessert deren Aktivität die Algorithmen und können umgekehrt Daten massenhaft konzentriert und gewinnbringend erhoben und verkauft werden. Facebook, Google, Apple und Amazon und so weiter sind deshalb die Giganten des digitalen Kapitalismus. Soziale Algorithmen sind das konstante Kapital des digitalen Kapitalismus. Dabei besitzen die Anbieter dieser Plattformen die angebotenen und von der Nutzer_innengemeinde gesuchten und geteilten Informationen oft gar nicht. Der Zugang zu den Informationsströmen des Internets und ihre Strukturierung ist zentraler Service für die Nutzer_innen von Plattformen wie Google+, Facebook oder Twitter. Google und Facebook allein sind für 75% der Weiterleitungen auf andere Websites verantwortlich. Damit sind sie die wichtigsten Korridore zum gesamten Internet und kontrollieren den Zugang zu diesen Informationen.xx

 

Welche enorme Rolle die Verwertung von Zugang für die großen Unternehmen des digitalen Kapitalismus spielt, lässt sich am Beispiel Facebook weiter verdeutlichen. Was auf den ersten Blick nach einer philanthropischen Tat aussieht und auch als solche vermarktet wird, entpuppt sich dann schnell als neokolonialer Eroberungsversuch. So sucht das Facebook-Programm free basic – bezeichnenderweise unter dem Titel internet.org gestartet – in 100 ärmeren Ländern eine Internet-Infrastruktur aufzubauen. Diese erlaubt allerdings nur den Zugang zu den von Facebook zuvor ausgewählten Diensten – den 1,5 Milliarden Untertanen sollen offenkundig noch einige hundert Millionen mehr hinzugefügt werden. Der Widerstand war enorm, woraufhin Facebook etwa in Indien in Zusammenarbeit mit der hindu-nationalistischen Modi-Regierung in eine PR-Offensive einstieg.xxi

 

Das Geschäftsmodell von Facebook und Co. erscheint nur paradox, fasst man die Mehrwertproduktion als isolierbaren Vorgang auf. Die Unternehmen des Plattformkapitalismus erwirtschaften ihre Profite durch den Verkauf der Daten, die ihre Nutzer_innen generieren. Diese Daten werden letztendlich aber dazu eingesetzt, stoffliche Produkte anzupassen und individualisiert zu bewerben. An anderer Stelle dringt die Inwertsetzung von Nutzspuren noch unmittelbarer ins Materielle vor. Das Internet der Dinge ist der Versuch, alle Gegenstände zu computerisieren und mit dem Internet zu vernetzen. So überwachen Kühlschränke ihren Inhalt, Heizungen heizen nach Wetterprognosen und Körperwaagen speichern unsere Gewichtsentwicklung. Diese ›intelligenten‹ Dinge funktionieren zwar auch sehr gut ohne Computerisierung, ihre Benutzung generiert aber Daten, die für entsprechende Unternehmen zum Weiterverkauf, zur Produktplanung und Werbung großen Wert haben. Es ist vorstellbar, dass, wie bei den sozialen Netzwerken, das gewinnbringende Produkt der Hersteller solcher computergestützten, vernetzen Dinge zunehmend nicht mehr der Verkaufsgegenstand selbst ist – dessen Kauf dann vom Unternehmen subventioniert wird oder das den Gegenstand sogar verschenkt –, sondern die Daten die von Konsument_innen bei der Benutzung generiert werden. Anhänger des Internets der Dinge lassen sich von dem Versprechen begeistern, den Alltag einfacher zu gestalten und besser zu organisieren. Aber gilt dies wirklich für Gabeln und Zahnbürsten? Wenig überraschend geht es auch hier einmal mehr um eine clevere Computerisierung unserer Umwelt, aber nicht zur Bedürfnisbefriedigung.xxii

 

TEIL 2

Subjekte

 

Nicht nur auf politökonomischer Ebene birgt die Digitalisierung grundlegende Veränderungen. Sie betrifft das Leben der Menschen direkt. Vier Momente scheinen uns besonders bedeutend für die Frage nach dem Verhältnis von Technologie und Emanzipation: (1) Die Proletarisierung fast der gesamten Weltbevölkerung, (2) zunehmende Entsicherung und Flexibilisierung, (3) die Maschinisierung des Menschen (4) sowie die Beharrungskräfte von Ideologien kollektiver Identität. Diese vier Momente sind nicht neu, sie haben aber jeweils eine digitale Spezifik, die es im Folgenden herauszustellen gilt.

 

1. Proletarisierung der Welt

Ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung wird proletarisiert, d.h. er ist für seine Selbsterhaltung auf den Verkauf der eigenen Arbeitskraft innerhalb der weltumspannenden Logistik des digitalisierten Kapitalismus angewiesen. Das gilt sowohl in zuvor durch Subsistenzwirtschaft geprägten Weltgegenden, aber auch in der Reproduktionssphäre, wie in allen Bereichen der Lohnarbeitssphäre selbst, die von Prekarisierung und dem Umbau des Sozialstaats zu einem Aktivierenden und trafenden geprägt sind. Damit ist nahezu die gesamte Menschheit heute abhängig vom Kapitalismus.

 

Proletarisierung hat eine weitere Dimension. Diese betrifft das Verhältnis der Menschen zu ihren Fähigkeiten sowie den Dingen, die sie mit diesen Fähigkeiten herstellen. Da die Menschen ihre Fähigkeiten im Kapitalismus nicht selbstbestimmt einsetzen, sondern zu ihnen fremden Zwecken und unter diesen zuträglichen Bedingungen, werden ihre Fähigkeiten auch nur in bestimmter Hinsicht entwickelt. Die Digitalisierung hat neuartige Arbeitsplätze hervorgebracht, deren Unterschiede in Sicherheitsstandards und Entlohnung, Anerkennung und Sichtbarkeit kaum größer sein könnten. Da sind auf der einen Seite hochqualifizierte und gutbezahlte Lohnabhängige, die neue kybernetische Maschinen bauen, Programme entwickeln oder diejenigen schulen, die dann mit diesen Maschinen arbeiten sollen. Diese Gruppe sind die schillernden Arbeiter_innen der Wissensökonomie. Sie sind emblematisch für die Ideologie der Digitalisierung. Ihre Arbeitszeiten sind flexibel, sie sind jung, meistens männlich und weiß und leben in den Metropolregionen der westlichen Welt. Mit dem Personal Computer als Produktionsmittel und dem Internet als Verkehrsweg verändert sich ihr Verhältnis zu ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsplatz. Das heißt allerdings nicht, dass ihre Abhängigkeit vom Kapital aufgehoben wäre. Distributionsmittel, die Regulation des Zugangs zu Ressourcen (Access) und Monopolbildung verhindern für die einzelne Lohnarbeiterin auch weiterhin die Verfügungsgewalt über das Produkt ihrer Arbeit, so sie es nicht als Selbstunternehmerin direkt in den globalen Kreislauf der Waren einspeist. Enthierachisierung der mittleren und unteren Ebenen von Firmenstrukturen, die Verlagerung der Konkurrenz in die einzelnen Unternehmen und Unternehmensabteilungen selbst und Flexibilisierung des Arbeitsverhältnisses verlängern die unternehmerische Abhängigkeit vom Kapital in die einzelnen Subjekte. Outputorientierung sowie beständige Evaluation und Benchmarking ersetzten direkte Autorität und Überwachung durch indirekte, aber umso durchdringendere Kontrolle. Dass die gesamten Fähigkeiten und Eigenschaften einer Persönlichkeit angerufen werden, ihre Kreativität, ihr Witz, ihre soziale und emotionale Intelligenz, macht die Identifikation mit der Arbeit umso notwendiger.xxiii

 

Damit verschränkt sind die tendenziell universell verfügbaren neuen Formen von Technologie (Smartphones, Googlemaps etc.). Sie ermöglichen eine massive Rationalisierung des Alltags. Paradoxerweise führen diese aber nicht zu einem Mehr an »disponibler Zeit«, sondern beschleunigt im Gegenteil die Auflösung der Sphäre des Privaten. Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen, während die darin enthaltene Möglichkeit kollektiver sozialer Befreiung verstellt bleibt. Das zieht neben der Identifikation mit der Arbeit auch eine Professionalisierung des Privaten nach sich. Das Subjekt ist angerufen, seine Kreativität, seine Kritik, seine Macken, etc. – also sein Selbst – produktiv in die Arbeit einzubringen und gleichzeitig sein Privates infrastrukturell zu ordnen und zur subjektiven Wertsteigerung des eigenen Humankapitals einzusetzen. Allgegenwärtige Konkurrenz, Leistungsdruck und Ansprüche an das Selbst vermitteln sich weiterhin auch über die Angst, vor dem Verlust des libidinös/affektiv besetzten Arbeitsverhältnisses, welches Sinnstiftung verspricht. Besonders unerbittlich zeigt sich dies an der Geschwindigkeit, in der Fähigkeiten veralten, Wissen entwertet wird undArbeiter_innen abgehängt werden. Es ist bemerkenswert, welche enormen individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen (Ausbildung, Fortbildung, Initiative, Lernbereitschaft) aufgewandt werden müssen, um mit diesem Prozess der Neuschöpfung und Entwertung mitzuhalten.

 

Dem gegenüber steht die Gruppe der Lohnabhängigen, die niedrigentlohnte, manuelle Tätigkeiten ausüben. Der Bedarf nach Seltenen Erden und anderen Metallen, die unter schwerer gesundheitsschädlicher Arbeit gewonnen werden, ist durch die Digitalisierung exorbitant gestiegen. Gewonnen werden diese Rohstoffe im Kongo, in Ruanda, Brasilien, China und Äthiopien unter brutalsten neokolonialen Ausbeutungsverhältnissen. Nur diese Rohstoffe ermöglichen die voranschreitende Miniaturisierung von Prozessoren und den dramatischen Preissturz der Endausgabegeräte, auf denen der digitale Kapitalismus basiert. Aber auch geistige Tätigkeiten quasi-manueller Art entstehen. Soziale Netzwerke benötigen konstant Filterung, um bestimmte Inhalte (Pornographie, Gewaltdarstellungen) erst gar nicht für die User sichtbar werden zu lassen. Arbeit dieser Art entzieht sich bisher häufig der vollständigen Automatisierung, weil sie beständige Aktualisierung voraussetzt und von sich wandelnden kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Werten abhängig ist. So besorgen Algorithmen eine Vorsortierung, die dann Menschen überprüfen. Oft optimieren sie damit die Algorithmen weiter: Sie füttern die Statistik mit Daten und ermöglichen wiederum eine genauere Vorsortierung. Eine Automatisierung, noch immer mit hohen Kosten verbunden, ist häufig gegenüber dem Einsatz menschlicher Arbeit unter Bedingungen globaler Arbeitsteilung schlicht nicht rentabel. Also sind auf den Philippinen tausende Arbeiter_innen damit beschäftigt, den Müll der sozialen Netzwerke zu sortieren: Kunst/Pornographie. Für Facebook und Co. ist diese Arbeit billig, zumal mit ihr kaum soziale Verpflichtungen einhergehen. Die physischen und psychischen Folgekosten tragen sie nicht.

 

Diese Gruppe von Lohnabhängigen sind, wie es Karl Marx für die erste industrielle Revolution beschrieben hat, bloße Anhängsel der Maschine, der sie dienen – und die nicht ihnen dient. Die immense Arbeit der Automatisierung und Automatenpflege ist das Fleisch des Digitalen. Sie ist dabei jedoch nicht nur ein lästiger Zwischenschritt zur letztendlich doch erfolgenden Abschaffung der Arbeit, sondern Bedingung dafür, dass Maschinen und Menschen überhaupt koexistieren können.xxiv Teile davon blieben als gesellschaftlich notwendige Arbeit auch in einer befreiten Gesellschaft bestehen. Nicht mehr dem Zwang der Kapitalakkumulation unterworfen, könnte sie dann aber anders organisiert und durchgeführt werden.

 

2. Das entsicherte Selbst

Die hier skizzierte Spaltung der Lohnabhängigen in Prekarisierte und Proletarisierte auf der einen und Held_innen des smarten neuen Kapitalismus auf der anderen Seite hat für Kapitale und Staaten durchaus ihren Nutzen. Sie verstellt die Erkenntnis und Artikulation gemeinsamer Interessen und ist verschränkt mit gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen: Rassismus, Neokolonialismus und Sexismus bestimmen auch im digitalen Kapitalismus, wer welchen Zugang zu den verschiedenen Arbeitsverhältnissen hat. Körperlich anstrengende, gesundheitsschädliche Arbeiten werden in den globalen Süden ausgelagert. Überproportional viele schwarze Menschen, People of Colour und Hispanics verdienen in den USamerikanischen Electronic-Assembly-Plants ihren Lebensunterhalt mit dem Zusammenstecken elektronischer Bauteile. Frauen aus der Arbeiter_innenklasse, häufig mit Kindern, erledigen die Stückarbeit des digitalen Zeitalters von Zuhause und ernähren so ihre Familien.

 

Dass ein Großteil der Weltbevölkerung proletarisiert ist, bedeutet keinesfalls, dass dieser vollständig in den kapitalistischen Wertschöpfungsprozess absorbiert werden kann. Vielmehr zeichnet sich ab, dass gleichzeitig in absoluten Zahlen so viele Menschen wie nie zuvor in die kapitalistische Produktion integriert sind, der Anteil der in die Produktion eingezogenen Arbeiter_innen im Verhältnis zur Gesamtanzahl der proletarisierten Bevölkerung aber zurückgeht: Ein Surplus-Proletariat entsteht.xxv Gerade in den wachstumsstarken Schwellenländern wurde das Wirtschaftswachstum nicht primär durch die Aufnahme zusätzlicher Arbeitskräfte erreicht, sondern durch eine rapide Steigerung der Arbeitsproduktivität. Technologische Entwicklungen haben die Arbeit intensiviert, gleichzeitig aber nicht nennenswert Arbeitsplätze geschaffen. Das bedeutet, dass obwohl die Wirtschaftskraft beispielsweise in den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) enorm gestiegen ist und diese Entwicklung die Proletarisierung vorantrieb, hat die Bevölkerung ökonomisch häufig wenig gewonnen. Die globalen Migrationsbewegungen, die ein historisch ungekanntes Ausmaß erreicht haben, sind eine direkte Folge dieses Prozesses: Landflucht, Wanderarbeiter_innen, die Suche nach einem besseren Leben im globalen Norden. Diese Bewegungen werden sich weiter intensivieren. Sie folgen dem Gesetz des Kapitals, das sie zugleich praktisch infrage stellen. In dieser Widersprüchlichkeit handelt es sich bei der globalen Migration um den ausgezeichneten Ort sozialer Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert. Das enorme Bevölkerungswachstum des vergangenen halben Jahrhunderts ist dabei selbst Folge der Produktivitätssteigerung kapitalistischer Vergesellschaftung, insbesondere der Automatisierung der Landwirtschaft. Während eine einzelne Landwirtin um 1900 mit ihrer Arbeit vier Menschen ernähren konnte, sind es heute 103 Menschen. Die Produktivitätssteigerung erzeugt so selbst das Surplus-Proletariat, die Überflüssigen, die auf dem »Planet der Slums«xxvi ihre Existenz bestreitet. Diese Proletarisierung wird durch die Finanzialisierung intensiviert. Da für die Reproduktion des Kapitals die Reproduktion der Arbeit nun auch ideologisch sekundär erscheint, befördert dies die grundsätzliche Tendenz, die Arbeitsbedingungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen eben nicht an der Reproduktion der Ware Arbeitskraft auszurichten. Die Abhängigkeit eines Großteils der Weltbevölkerung vom Kapital bleibt auch im digitalen Kapitalismus unangetastet.

 

Wie verteilt und vielfältig diese Arbeiten und Lebensformen im digitalen Kapitalismus auch sind, lässt sich für sie dennoch eine allgemeinen Tendenz festhalten. Was sich im Euphemismus der »Wissensgesellschaft« als Kampfbegriff des neoliberalen Umbaus ausdrückt, ist die Produktion entsicherter Massensubjekte, deren ermöglichte und beförderte Verschuldung durch Bildungskredite und Pump im Immobilienmarkt heute Quelle finanzialisierten Reichtums und Instrument zur Aufrechterhaltung ihrer Vereinzelung geworden ist.xxvii Die Auseinandersetzungen in den Banlieues in Paris 2009, die Riots 2011 in England, die Platzbesetzungen in Athen 2011, die Aufstände in Stockholm und nicht zuletzt die aktuellen Auseinandersetzungen in Frankreich gegen die autoritäre Durchsetzung der Arbeitsmarktreform im Rahmen von Nuit debout wie auch der Bruch der Festung Europa im Sommer der Migration 2015 markieren einen Zyklus sozialer Auseinandersetzungen um diese Transformation, dessen Zwischenbilanz die Produktion eben dieses Massensubjekts ist. Es stellt in vielfacher Hinsicht den Idealtyp einer finanzialisierten Gesellschaft als Ganzes dar, wenn auch seine Befriedung offenkundig noch nicht abschließend gelungen ist – und vielleicht auch niemals erfolgen kann, weil es noch unter entsicherten Bedingungen ein selbstverantwortliches, unternehmerisches, ein gewieftes Subjekt bleiben muss, dessen Beherrschung vorrangig über seine Anrufung einerseits, seine unendliche Verschuldung andererseits erfolgt. Eine gesellschaftliche Linke muss dementsprechend auch all diejenigen Orte aufsuchen, in denen diese Subjektivierung erfolgt, die mehr und mehr direkt für das Kapital produktiv gemacht werden soll: Das ist die entgrenzte Welt der Bildung und Weiterbildung, der Schule und der Ausbildung, des Übergangsmanagements und Trainings, des Coachings und der Arbeitsmaßnahmen, der Therapie und der Psychiatrie.xxviii

 

3. Maschinisierung des Menschen und die Liebe der Daten

In ihrem Cyborg-Manifest von 1983 entwirft Donna Haraway die Cyborg als Figur jenseits des bürgerlichen Subjekt-Objekt-Verhältnisses. Die Cyborg kann Grenzen zwischen Mensch und Technik lustvoll überschreiten, weil sie ihre realen Verschränkungen annimmt und bespielt.xxix Damit sollte letztlich das Ende der konstitutiv prekären Subjektform nahen, die gerade ob ihrer Unsicherheit in der Moderne unbeirrt und nahezu zwanghaft ein selbstbewusstes Individuum gegenüber einer diesem äußeren Welt unterstellte. Im Internet der 1990er Jahre erhofften sich viele schließlich die Realisierung dieser Figur jenseits aller materieller Realitäten und träumten von anonymen Räumen und vielfältigen Identitäten. Heute treten den Subjekten in genau diesem Raum virtuelle Umwelten zunehmend normierend gegenüber.

 

Stand im mittelalterlichen Denken ›Subjekt‹, dem Wortsinn entsprechend, für das Unterworfensein unter die göttliche Ordnung der Welt, so änderte sich die Bedeutung im historischen Verlauf wesentlich. Von Descartes über die Aufklärungsphilosophie bis zu Kant erfährt der moderne Subjektbegriff geistesgeschichtlich seinen Durchbruch. Er bedeutet die Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der göttlichen Ordnung. Dabei ist diese Idee nicht einfach den Köpfen kluger Denker entsprungen: Das moderne Subjekt ist vielmehr zum Ende des Spätmittelalters aus einem historischen Prozess hervorgegangen, von dem Karl Marx behauptet, er sei »in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer«.xxx Die Vertreibung der Bauern von dem von ihnen gemeinschaftlich bestellten Land und die Verwandlung dieses Landes durch die sogenannte »Enclosures« in Europaxxxi – ein Vorgang der sich seitdem und bis heute in zahlreichen Weltgegenden wiederholt – bilden den Ausgangspunkt, an dessen Ende einerseits die Klasse der Kapitalist_innen, andererseits die doppeltfreien Lohnarbeiter_innen stehen. Doppeltfrei sind Lohnarbeiter_innen, weil sie frei vom Fron und von ständischen Fesseln, aber auch frei von den Mitteln, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Der bürgerliche Staat garantiert ihnen den dafür notwendigen Status als freie Rechtssubjekte. Aus der Abhängigkeit vom Verkauf ihrer Arbeitskraft, die ja auch immer nicht gekauft werden kann, folgt im Kapitalismus die strukturelle Unsicherheit, das eigene Leben bestreiten zu können.

 

Aus diesem grundlegenden Fremd- und Selbstverhältnis folgt zweierlei: In dem Moment, in dem sich der Mensch angesichts der Bedrohung seiner Existenz zu seiner Umwelt zweckrational verhält, erlebt er sich als von dieser getrennt. Wie gehabt steht dann das handelnde, souveräne Subjekt der toten Welt verfügbarer Objekte gegenüber. Diese Subjektform erlaubt den verwertenden Zugriff des Subjekts sowohl auf die Objekte wie auch, und das ist hier entscheidend, auf sich selbst (und andere, etwa indem ihnen ihr Subjektstatus abgesprochen wird, sie als Sklaven zu Waren, als Frauen zur Natur gemacht und so entmenschlicht werden). Selbstobjektivierung ist Subjektivierung. Der Mensch unterwirft im Prozess der Subjektivierung immer auch sich selbst und setzt damit gleichzeitig die stetige Behauptung dieser Trennung als Ressource voraus, in die, je nach Akkumulationsregime, unterschiedliche Teile des Lebens fallen. Den Zweck seiner Objektivierungen setzt sich dieses freie Subjekt aber eben nur scheinbar selbst. Er entstammt den Zwängen der kapitalistischen Vergesellschaftung, in denen das Subjekt sich behaupten muss.

 

Folglich wird auch das Verhältnis zur Technik als instrumenteller Zugriff auf ein Objekt begriffen. Die Produktivkraft der Technik und des Mensch-Technik-Verhältnisses bleibt allein dort aktualisiert, wo sie der Kapitalakkumulation dient. Digitalisierung als Automatisierung des Fortschritts führt zu einer stetigen Intensivierung dieser Zwangslogik. Durch die Digitalisierung werden die in vorherigen Perioden kapitalistischer Technisierung von Menschen und auf Menschen angewandte Automatisierung und Formalisierung der Arbeit in dem Sinne entgrenzt, als Roboter, lernende Maschinen, künstliche Intelligenzen und die Vorherrschaft der Netzwerke über die Arbeiter_innen selbst hinausgreift und durch sie hindurch verlaufen. Diese Objektivierung, die heute kraft der Digitalisierung und im Digitalen stattfindet, führt dem Subjekt seine materielle Fragilität, seine Beschränktheit und seine Abhängigkeit unablässig vor Augen. Tatsächlich führt die Digitalisierung einschlägig vor, dass menschliches Leben ausschließlich in dem, was Karl Marx »zweite Natur« nennt, stattfindet und stattfinden kann, das heißt in einem sozialen Zusammenhang, der auf Technisierung basiert und den einzelnen Menschen eben niemals vollständig verfügbar ist. Die Technik ist dem Menschen schon strukturell nichts Äußerliches. Eine Kritik, die sie pauschal als entfremdend begreift, muss daher zu kurz greifen.

 

Aus dieser Beschaffenheit der Subjektform wird verständlich, wie sich das Subjekt ins Verhältnis zur Technik setzt. Die Verknüpfung des eigenen Lebens mit der Technik wird zum Heilsversprechen. Dabei werden zahllose Möglichkeiten geschaffen, mit denen das fragmentierte Subjekt sich seiner selbst versichern kann. Das Geschäftsmodell des Internet der Dinge wirbt für eine nahtlose Verbindung digitaler Technik mit materiellen Alltagswelten. Vermeintlich intelligent und entsprechend den Bedürfnissen der Nutzer soll der Kühlschrank mit dem Supermarkt, das Smartphone mit Fernseher, Heizung und Gießkanne kommunizieren. Der Computer wird dabei nicht, wie behauptet, unsichtbar werden, sondern für alle Probleme des Alltags einen Umweg über die dafür gekaufte App oder das smarte Gerät bieten. Ständige Optimierbarkeit und vermeintliche Innovation sind die ideologischen Behauptungen der Start-Up-Ökonomie, die einen Fortschritt suggerieren, bei dem sich doch nichts zum Besseren verändert.xxxii Dabei ist es natürlich schon immer kapitalistisches Prinzip gewesen, dass sich Industrien ihre Konsumenten schaffen. Neu im Internet der Dinge ist allerdings, wie einerseits undurchsichtig und andererseits angreifbar die Lebenswelt der Konsument_innen wird, während selbige gleichzeitig vollkommen durchsichtig für die Unternehmen werden. Der Reichtum des smarten Kapitalismus erscheint als eine ungeheure Datensammlung. Das Verhältnis des Subjekts zur Technik zeichnet sich weiter wesentlich durch den kapitalistischen Zugriff aus.

 

In dem Maße, in dem traditionelle Mechanismen der individuellen und kollektiven Sicherung und Selbstvergewisserung nicht zuletzt durch die immanenten Tendenzen des Kapitalismus erodieren – der Nationalstaat als durch den Erfolg in der Weltmarktkonkurrenz fundierte Schicksalsgemeinschaft, die Bindekräfte repräsentativer Parteidemokratie, die Arena der öffentlichen Meinung – wird die digitale Sphäre zur Bühne des Schauspiels des zunehmend vereinzelten und zerteilten Individuums oder wie es der französische Philosoph Gilles Deleuze nennt, Dividuums. Vor allem in sozialen Medien zeigt sich das Souveränitäts- und Anerkennungsbegehren eines Subjekts, das die Prekarität und Unzulänglichkeit seiner Form, seine Überflüssigkeit tagtäglich erfährt. Die Vielheit von Identitäten muss permanent (re)produziert und zusammengeführt werden, sowohl für sich (Selbstfindung) als auch vor anderen (Selfies, Likes, Postings), anstatt in einer emanzipatorischen Aufhebung der bürgerlichen Subjekt-Objekt-Trennung, die immer auch diese Spaltung des Subjekts beinhaltet, aufzugehen. Vervielfältigung und Zusammenführung, permanente Anwesenheit und absolute Zerstreuung, sind nicht schlicht entgegengesetzte Tendenzen, sondern bedingen sich innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung gegenseitig und verstärken sich beständig. Ihren Ort finden sie nicht zuletzt in der Pflege eines virtuellen Ichs. Von dessen virtuoser Beherrschung hängt zunehmend der Subjekt-Status selbst ab. Sie verschafft Befriedigung und Lustgewinn, die sich aber ob ihrer totalen Abhängigkeit von der beständigen Bestätigung durch die vernetzten Impulse selbst unterläuft. Das erzeugt Stress, macht die Wiederholung bis hin zu Zwang und Sucht nötig. Aufmerksamkeitsdefizit und Burn-out, Manie und Depression sind die widersprüchliche Signatur dieser Situation.xxxiii Der ausschließliche Fokus auf (staatliche und wirtschaftliche) Überwachung und Datenerhebung, in dem sich Teile der radikalen Linken und ein liberales Milieu treffen, bleibt unzureichend, wo er das Begehren nach der Verstreuung der eigenen Daten und ihre sozialpsychologische Grundlage nicht in Betracht zieht. Möglicherweise drückt sich in der mehr oder weniger bereitwilligen Preisgabe persönlicher Daten der Wunsch nach Komplexitätsreduktion, Vereindeutigung und Vermessung der eigenen Subjektivität aus.xxxiv

 

Dieser Wunsch nach Vereindeutigung korrespondiert mit einem grundlegenden Affekt, der unsere Zeit (zumindest in den postindustriellen Regionen des Westens) dominiert. Während bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem bei Arbeiter_innen Elend dominierte und darauf bis in die 1970er Jahre Langeweile eine grundlegende Befindlichkeit darstellte, führt die gegenwärtige Zunahme von Formen der Überwachung und die allumfassende Erodierung von Lebensmodellen, Arbeitswelten und stabilen Identitäten zu Angst als dem bestimmenden Hintergrundgefühl.xxxv Diese Verunsicherung bleibt demnach nicht auf einen Teil der Lohnabhängigen beschränkt, sondern verallgemeinert sich und dringt bis ins Private vor. Angst als dominierender Affekt manifestiert die Prekarität der bürgerlichen Subjektform und illustriert zugleich die kapitalistische Vergesellschaftung als deren Konstitutionsbedingung.xxxvi

 

Der Zugriff des Digitalen über die Sphären der sozialen Netzwerke und des Internets der Dinge wirkt sich heute wesentlich normierend aus. Da Wertschöpfung in der Plattformökonomie über das Schaffen von Monopolen einerseits funktioniert, soziale Netzwerke andererseits auch ihren Gebrauchswert für die Nutzer_innen nur in der Versammlung vieler Nutzer_innen erfüllen, sehen sich diese Nutzer_innen unweigerlich mit einzelnen digitalen Giganten konfrontiert. Der unverfügbare Code der Plattformen bildet so eine symbolische Ordnung, welche den Kapitalen der digitalen Ökonomie weitgehenden Einfluss auf die Kulturen und Formen von Subjektivierung einräumt. Damit liegt es auch zunehmend außerhalb der eigenen Wahl, welche Inhalte die Einzelnen erreichen. Im Zweifelsfall entscheiden Algorithmen und Klickarbeiter_innen auf Grundlage vager Community Guidelines, was überhaupt über die Kanäle wandert und was den jeweils einzelnen Nutzer erreicht. Wenn hundert Millionen Menschen Facebook als primäre Nachrichtenquelle verwenden, ist zugleich eine kritische Diskussion über die (politischen) Standards dieser privatwirtschaftlichen »Öffentlichkeit« notwendig, wie auch eine Diskussion über die Transformation des Öffentlichen im Allgemeinen.

 

Analog zu Debatten über künstliche Intelligenz und der scheinbaren Vermenschlichung von Maschinen,xxxvii muss umgekehrt die Automatisierung und Beeinflussbarkeit von kognitiven Prozessen, Affekten und sozialen Verhaltensweisen in den Blick genommen werden. Die direkte massenhafte, emotionale Infrastrukturierung der Menschen etwa in immer neuen Facebook-Algorithmen, kann als Indiz dafür gelten. Auch Smartwatches und ähnliche Gadgets, die sportliche Aktivitäten messen, mit Mittelwerten abgleichen, Abweichungen belohnen oder anmahnen und dabei wertvolle Daten akkumulieren, sind Teil der Digitalisierung des Selbst, der Ökonomisierung und Professionalisierung von Subjektivierung und Subjektivität. Die Quantifizierbarkeit des Selbst in jeder Hinsicht ist ideologische Prämisse. Vor dem Hintergrund der Entsicherung von Lebenssituationen verspricht sie den Einzelnen dabei ein Mittel der Kontrolle, zumindest über die eigenen Körperfunktionen. Zugleich schafft Self-Tracking neue Formen von sogenannter rationaler, weil vermeintlich statistisch belegbarer, Diskriminierung. Vor allem Versicherungen beginnen, Apps zu bewerben, mit denen präventiv, also bevor der Fall überhaupt eintritt, Risiken eingeschätzt werden. Wie viele Bier jemand trinkt oder wie schnell Auto fährt, kann so über die Höhe der Beiträge entscheiden. Wenn in noch mehr Bereichen des Alltags intelligente Geräte Verhalten aufzeichnen, könnte ein Leben innerhalb der rationalisierten Norm nicht nur kulturell, sondern auch finanziell zum Zwang werden.

 

4. Neobiedermeierliche (Alb)träume und die Privatisierung der Sorge

Unter den beschrieben Bedingungen verschärfter Konkurrenz und Unsicherheit bleibt das Verhältnis der Subjekte der Technik gegenüber häufig auf die Indienstnahme zur Herstellung und Optimierung der eigenen Verwertbarkeit einerseits, die Zurückweisung der in ihr liegenden Potentiale andererseits beschränkt. Oft verschränken sich beide Verhältnisse zur Technik. Das zeigt sich besonders nachdrücklich in Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse.

 

Deren moderne Form ist eng mit der Entstehung der Lohnarbeitssphäre verbunden, welche die soziale Welt zweiteilt, indem sie die Reproduktion aus sich ausschließt. Mit der Durchsetzung des Kapitalismus, der Auflösung der dörflichen Gemeinschaften sowie der Trennung von Arbeits- und Wohnort im Bereich des Handwerks, wurde die Sphäre der Reproduktion in den westlichen Ländern – vielfach gewaltsam – zum Ort der Frauen* gemacht. Dieser Ort blieb seitdem mit ihnen identifiziert. Der Imperialismus trägt diese Zweiteilung und die mit ihr verbundenen Geschlechtscharaktere in die gesamte Welt, auch und gerade wenn dies in der Realität primär immer nur für weiße Frauen* aus bestimmten sozialen Schichten galt, während schwarze Frauen*, women of colour und weiße Proletarierinnen* bis weit ins 20. Jahrhundert selbstverständlich sowohl Lohnarbeit als auch Hausarbeit leisteten. Erst in den nicht zuletzt als Konsequenz der mörderischen Politik und Verheerungen des zweiten Weltkriegs homogenisierten Gesellschaften Europas der Nachkriegszeit – im Wiederaufbau und Wirtschaftswunder – setzte sich die Verdrängung der Frauen* aus der Lohnarbeitssphäre in einem zuvor unbekannten Ausmaß durch.xxxviii Auch wenn der Ausschluss aus der Welt der Lohnarbeit also immer nur begrenzt war und scheinbar zunehmend kollabiert, bleibt die Trennung und ihre ideologische Zuordnung und Überformung zentrales Instrument in der gesellschaftlichen Aushandlung von Hierarchien und Machtverhältnissen. Sie bleibt auch dort zentral, wo Reproduktionsarbeit selbst in Lohnarbeitsverhältnissen ausgeführt wird.

 

Bei allen strukturellen Unterschieden zwischen den beiden Sphären gilt jedenfalls auch für die der Reproduktion festzuhalten: Die Technik ist in ihr nicht als solche befreiend, ihr Einsatz und ihre Stellung innerhalb der sozialen Beziehungen sind es oder sie sind es eben nicht. Die Waschmaschine erleichtert ohne Frage das Waschen. Insofern mittels ihrer aber eine Rekonfiguration der Hausarbeit stattgefunden hat, welche die Umverteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechterrollen gerade nicht berührt, tastet sie die Unterdrückung der Frau* und die Identifikation der Sorgetätigkeiten mit ihrem Geschlechtscharakter nicht an. Mehr noch, sie kann sogar zum Instrument der Festigung oder Neukonfiguration eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses werden, zum Beispiel wo sich mit ihr die Normen und Kriterien von Haushaltsarbeit verändern.

 

Die Intensivierung von Eingriffen in die Reproduktion und die widersprüchlichen biopolitischen Anrufungen durch Staat und Kapital im Zuge der Krise tragen dazu bei, dass Reproduktion selbst als der Ort gesellschaftlicher Aushandlungen und Konflikte sichtbar wird, der er schon immer war.xxxix Die Kampagne Wages for Housework, die italienische Feminist_innen in den frühen 1970er Jahren etablierten, muss als eine frühe Intervention in diese Richtung verstanden werden. Die Sichtbarkeit von Reproduktion als Austragungsort gesellschaftlicher Vorgänge ist unserer Ansicht nach auch darin begründet, dass die neuen Reproduktionstechnologien, die um das biologische Substrat von Geschlecht herum konstruierten Zuschreibungen als sozial wie wissenschaftlich-technisch hergestellte, enthüllen. Entwicklungen der Reproduktionstechnologien und der Pharmakologie bieten heute die Chance, sich sehr grundsätzlich von der zweigeschlechtlichen Norm zu lösen. Neue Formen der Elternschaft sind möglich. Die Chemie erlaubt dem Menschen die Manipulation seiner Biologie auf der molekularen Ebene.xl Damit eröffnen sich biotechnologische Möglichkeiten, die Entwürfe wie die der Radikalfeministin Shulamith Firestone in Frauenbefreiung und sexuelle Revolution (1970) noch vor 40 Jahren vorwegnehmen musste. In einem biologischen Materialismus konstatierte sie, dass die geschlechtliche Ungleichheit in der Gebärfähigkeit der Frau* begründet ist. Aus ihr leitete sie alle übrigen gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse ab. Mittels der von ihr imaginierten technisch-wissenschaftlichen Loslösung der Reproduktion der Gattung Mensch von der Biologie der Frau verliert Geschlechtlichkeit ihre Relevanz. Die Technik befreit den Menschen von der Natur als Schicksal. Nicht nur Firestones Modell eines Bruchs zwischen einem biologischen und nachbiologischen Zustand ist dabei zu problematisieren – sondern auch die Wiedereinführung eines Essentialismus, der bestimmte, dem weiblichen zugeschriebene Eigenschaften zu Universell-Menschlichen macht. Beide Annahmen sind Ausdruck einer im Grunde ahistorischen Konzeption von Gesellschaft.xli Weniger an den utopischen Möglichkeiten der Technologien orientiert und trotz ihren oft uneingestanden Produktivismen, sind in der sozialistischen Theoriedebatte seit Friedrich Engels Der Ursprung der Familie (1884) die Kernfamilie als historisches Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – ihre Keimzelle – analysiert worden. Engels Text sieht die Herrschaft des Mannes über die Frau im Zusammenhang mit der Entstehung des Privateigentums. Sozialistische Feminist_innen haben daher immer wieder das Verhältnis der Familie zum Nationalstaat und ihre Funktion für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft in den jeweilig unterschiedlichen Akkumulationsregimen des Kapitalismus untersucht. In der frühen Phase der Sowjetunion gab es zahlreiche (theoretische) experimentelle Ansätze, die Kinderbetreuung und -erziehung weitgehend zu vergesellschaften, in denen Infrastruktur, Architektur und andere technologische Elemente ganz selbstverständlich Teil der Konzeption waren, weil nur auf ihrer Grundlage die für eine gesellschaftliche Transformation notwendige Größenordnung bewerkstelligt werden kann. Die Kinderladen- und Kommunenbewegung der 1970er Jahre in Westeuropa und den USA ist einer der letzten prominenten praktischen Ausdrücke dieser Idee. Indem sie die von der Gesellschaft zu organisierende Arbeit allerdings bereits in die Zuständigkeit kleinerer Gemeinschaften verlegt, drohte ihr die Integration, zumal in Zeiten in denen sich der Staat zunehmend aus diesen Tätigkeitsbereichen zurückzieht. Die hier wie im ökologischen Milieu zu findende Anrufung einer (kindlichen) Natur zur Legitimation, deren Schwundstufen wir noch in der Fetischisierung von Holzspielzeug etc. finden, fügt sich dabei dann passender Weise in bestimmte gesamtgesellschaftliche Tendenzen der Renaturalisierung von Familie. Die Geburt und Erziehung von Kindern als gesellschaftliche und nicht individuelle Aufgabe ist heute nahezu vollständig aus dem gesellschaftlichen Imaginären verschwunden.

 

In allen OECD-Ländern gehen seit einigen Jahren die Geburtenraten zurück. Das Geburtsalter steigt an, die Anzahl der Kinder pro Kopf sinkt. Das hat auch mit dem Erfolg feministischer Kämpfe zu tun, die dazu geführt haben, dass Frauen auch in den westlichen Industrienationen im Kontext der Krise des Fordismus zunehmend – und gegen teilweise erhebliche Widerstände männlicher Belegschaften – in die Lohnarbeitssphäre eingedrungen sind. Zahlreiche Rechtsgleichheiten konnten errungen werden. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Organisation der Sozialsysteme, so dass Anrufungen an die Geburtswilligkeit der Staatsbürger_innen (wieder) zum politischen Alltag geworden sind. Allerdings scheint die Entwicklung selbst ebenso sehr eine Folge des Umbaus des Wohlfahrtstaatsregimes und der Privatisierungstendenzen sowie der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts im Zuge des Neoliberalismus zu sein: Feministische Forderungen sind deshalb heute in einer Form erfüllt, die sich teilweise diametral gegen die Intentionen der damaligen Aktivist_innen gewendet haben. So verdient heute in der Regel keiner der beiden Elternteile alleine genug, um den anderen und die Kinder zu ernähren.xlii Der sogenannte Familienlohn gehört der Vergangenheit an. Anstatt die Beziehung mit der Infragestellung der traditionellen Verteilung von Sorgearbeit zu belasten, und sich, vor allem als Frau* den Ruf einer unlockeren oder gar verkrampften Feminist_in zuzulegen,xliii lagert deshalb, wer es sich leisten kann, diese Arbeit aus. Dass Reproduktionsarbeit zu Lohnarbeit wird, berührt sich dabei zugleich mit der Tendenz zur Feminisierung der Arbeit. Sie wird abgewertet und abgedrängt in den Niedriglohnsektor oder gleich in die Länder des globalen Südens ausgelagert – wo Arbeitskraft günstiger und Fertilitätsmedizin häufig weniger reguliert ist: Die notwendige Sorgearbeit wird dabei erneut vor allem von Frauen* erledigt, häufig mit wenig privilegiertem Hintergrund und mit Migrationsgeschichte. Während in der Nachkriegsära von einer Art »staatszentrierter Biopolitik« gesprochen werden kann, d.h. dass sozialstaatliche Organisation primär auf der Ebene des Nationalstaats erledigt wurden und so Reproduktion und Nationalstaat sowohl ideologisch als auch materiell aneinander geknüpft blieben, lässt sich heute in der Verschiebung zum Wettbewerbsstaat mit seiner zunehmend deregulierten Organisation der Arbeitswelt eine Entkoppelung beobachten.

 

Zugleich erweitert sich der Zugriff auf den Körper als Ressource einer neuen Medizinökonomie: Insbesondere die Reproduktionsbiologie von Frauen* erfährt, aufgrund der pluripotenten Eigenschaften von (embryonalen) Stammzellen, eine weitere Inwertsetzung. Dem Körper »extrahiert«, werden hier lebende Gewebe selbst Teil von Biotechnologien, die nicht nur zur Heilung von Krankheiten dienen, sondern zunehmend auch einen Markt regenerativer Medizin zur Verlängerung des Lebens schaffen – die Möglichkeiten dieses bioengeneering sind noch längst nicht ausgeschöpft. Diese technologische »Verbesserung« des eigenen Körpers läuft zusammen mit nur scheinbar dazu im Widerspruch stehenden Tendenzen der Renaturalisierung des Körpers in »Clean Eating«, Fitness oder »Detox«. Denn beide fügen sich ein in den Zusammenhang der Nutzbarmachung des Selbst, von Selbstoptimierung und Selbstbehauptung, dessen Allgegenwart durch digitale Technologien wie Wearables zuvor schon beschrieben wurde. Dem »zukunftsweisenden« Schein zum Trotz ertappt sich die Medizinökonomie allerdings als Wiedergängerin von Prinzipien der ursprünglichen Akkumulation, wenn der Körper und seine Teile als natürliche und noch ungenutzte Ressource vorgestellt und angeeignet werden. Nicht von ungefähr setzen sich hier koloniale Verhältnisse fort, die eben diese Annahme als Voraussetzung für (europäische) Expansion hatten. Dass Konsument*innen oft weiß und gut situiert und Produzent*innen häufig rassifiziert und arm sind, wird auch durch rechtliche Rahmenbedingungen ermöglicht, die in Staaten wie etwa Indien bewusst geschaffen werden, um sich in der Weltmarktkonkurrenz um Hightech-Industrien zu behaupten. Schenkökonomie und Prekarisierung schaffen außerdem günstige Verwertungsbedingungen für das Kapital.

Auf dieser Grundlage bleibt die Anerkennung reproduktionsbiologischer Tätigkeiten als Lohnarbeit verwehrt, obwohl sie zeitaufwendig sind, bestimmtes Verhalten erfordern und etliche Gesundheitsrisiken mit sich bringen. Ähnlich wie bei der prekarisierten, niedrig entlohnten Arbeit mit Algorithmen findet stattdessen auch hier eine Unsichtbarmachung statt: Als einzig wertschöpfend erscheint die hochqualifizierte Tätigkeit der Forscher_innen und Laborarbeiter_innen, jedoch ist die »Körperarbeit« der Frauen Voraussetzung dieser Wissensökonomie. Häufig wechseln Frauen auch zwischen Sex-, Sorge- und Reproduktionsmedizinarbeit, da diese teilweise als einzige (oder einträglichste) Form der Lebenserhaltung für sie zugänglich ist. Dabei ist ethischen Diskursen um diese Formen feminisierter Arbeit gemein, dass häufig eine Passivität der Frauen unterstellt und Verbote gefordert werden. Stattdessen kann nur die Anerkennung als Arbeit neue Kampffelder eröffnen.

 

In der Mittelklasse wiederum lässt sich eine Wiedereinschreibung und Verfestigung eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses beobachten, in der die technischen Möglichkeiten letztlich der Aufrechterhaltung der Heteronorm untergeordnet werden: Leihmutterschaft und Eizellenhandel lösen deren Biologismus nicht auf, sondern machen technisch seine Verlängerung und Verlagerung möglich. Sie erlauben auch dort, wo hohes Alter, die homosexuelle Partnerschaft, Krankheiten oder andere Faktoren eine ›natürliche‹ Schwangerschaft erschweren bzw. verunmöglichen, den Wunsch nach dem ›eigenen‹ Kind zu erfüllen. Der Traum des ›eigenen‹, und das heißt hier dann immer biologischen, Kindes wird nicht aufgehoben sondern aufgeschoben und soll dann, zu einem späteren Zeitpunkt in der Karriere noch eingelöst werden. Das gilt natürlich primär für die Gewinnerinnen des neuen Akkumulationsregimes. An diesem Punkt zeigt sich die Klassendimension von Reproduktionstechnologien deshalb in ihrer ganzen Härte: Nur jene können sich die teure In-Vitro-Fertilisations-Behandlung leisten, die in den meisten Ländern privat zu bezahlen ist. Zu fragen ist aus emanzipatorischer Perspektive nach dem Begehren, das sich in dem Festhalten und Selbstverständlichmachen dieses Kinderwunsches ausdrückt und das gekoppelt bleibt an die Renaissance der traditionellen Geschlechterrollen und der dazugehörigen Kernfamilie, auch wo diese unter den gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen eine Rekonfiguration erfährt.

 

Unser Eindruck ist, dass die Kernfamilie genauso eine Lösung für das Prekärerwerden der Organisation der Reproduktion im Ab- und Umbau des Sozialstaats erlaubt, wie sie Keimzelle einer noch immer nationalstaatlich organisierten, wenn auch nicht notwendig an einem national eingehegten Kapital orientierten, Biopolitik bleibt. Sie ist nach wie vor vom Staat in besonderer Weise geschützt. Doch dessen Anrufungen werden widersprüchlich. Im Privaten dient die Familie primär dem Schutz gesellschaftlicher Privilegien, die man in der Krise gefährdet sieht, auch wenn dies auf Kosten anderer geschieht. Die Vater-Mutter-Kind-Triade bietet ein Schema, das erlaubt, die in der Reproduktionssphäre selbst auftretenden gesellschaftlichen Widersprüche in ein Außen zu verdrängen. Sie kehren allerdings weiterhin als patriarchaler Albtraum und als Zwangsanstalt Familie im Inneren zurück, mag deren Bühnenbild heute auch nicht mehr der gemeinsame Esstisch, sondern das Netflix Programm sein. Die Attraktivität neobiedermeierlichen Privaterzählungen (Religion, Familie, Geschlecht, Herkunft) kann in dieser Perspektive als Zurückweisung oder zumindest als Reaktion auf die entgrenzenden und flexibilisierenden Tendenzen des gegenwärtigen Kapitalismus gelesen werden.xliv Wo die Subjekte den maschinell-sozialen Zusammenhang als verselbstständigt und unverfügbar erfahren, wird die Wahrung ihrer eigenen Integrität durch die Zurückweisung des gesellschaftlichen Charakters dieses Zusammenhangs attraktiv. Zugleich folgen sie darin Anforderungen des neoliberalen Kapitalismus, indem sie die soziale Sorge wieder primär familiär erledigen bzw. deren Auslagerung privat organisieren.

 

Die Subjektform ist ein nicht selbstgewählter, durch direkten oder indirekten Zwang stattfindender Gewalt- und Zurichtungsvorgang. Der Technoutopismus verband mit der technologischen Entwicklung die Aufhebung der Zurichtung zur/durch die Arbeit, der Technofeminismus die Aufhebung der Zurichtung durch Vergeschlechtlichung des Körpers. Beide Wege bleiben verstellt, so lange die Individuierung der Menschen in die kapitalistische Entwicklung eingebunden bleibt. Die digitalen Technologien, die in ihrem Erscheinen noch bis in die 1990er Jahre hinein oftmals als Vorschein möglicher Kollektivität auftraten, weil sie eine Loslösung vom Körper und seinen Einschreibungen versprachen, erweisen sich seither als Intensivierungsmomente kapitalistischer Vernutzung.xlv Erst die Möglichkeit der Informationsbeschaffung durch das WorldWideWeb, der direkten Kontaktaufnahme, das Werben von Spenderinnen* und Leihmütter* über Facebook und andere soziale Plattformen, etc. erlaubt die Funktionsweise der derzeitigen Reproduktions- und Körperökonomien. Ihr Zusammenhang muss Gegenstand der Analyse sein. Den individualistischen Ausformungen dieses Zusammenhangs gilt es eine kollektive Politik der Aneignung und Enteignung aller Techniken, ob nun sozial, maschinisch oder biologisch, entgegenzusetzen.

 

 

 

TEIL 3

Welt

 

Mit dem technologischen Umbruch infolge der mikroelektronischen Revolution findet auch eine fundamentale Neuordnung der Welt statt, obwohl sie innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung verbleibt. Weil diese Neuordnung scheinbar paradox zugleich radikale Veränderungen wie sich verhärtende Kontinuitäten zeigt, verweist sie uns auf grundlegende Wechselverhältnisse zwischen Kapitalismus, Politik, Natur und Emanzipation. Sie gilt es zu verstehen, um dem Kapitalismus auf der Höhe seiner eigenen Fähigkeiten begegnen zu können. Im Folgenden betrachten wir diese Wechselverhältnisse deshalb auf drei zentralen Ebenen: Die Politik, die Frage nach der Natur und die Beziehung zwischen Technik, Kritik und Emanzipation. Aus der Analyse dieser drei Aspekte sollen abschließend vorsichtige Schlüsse für eine kommunistische Bewegung im 21. Jahrhundert gezogen werden.

 

1. Autoritäre Wettbewerbsstaaten und die politische Ökonomie des Fundamentalismus

Nachdem der Kalte Krieg die Zwänge und wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus militärisch und sozialstaatlich eingekapselt hatte, jagen sie seit 1989 erneut um den gesamten Globus.xlvi Und auch ideologisch entfällt der Systemkonflikt als Bremse der Herrschaftsansprüche der Kapitale über die Arbeiter_innen. Die Bindekräfte der bürgerlichen Demokratien und des Nationalstaats mit ihrem Versprechen auf Wachstum und Sicherheit durch einen wahlweise ›gezähmten‹ (Fordismus) oder ›entfesselten‹ Kapitalismus (Neoliberalismus) lassen in dem Maße nach, in dem dieses Versprechen sich fortgesetzt an der Wirklichkeit blamiert. Stattdessen etablieren sich unterschiedliche Varianten eines autoritären Wettbewerbsstaates, der die sich verhärtenden Klassengegensätze nur mehr polizeilich verwaltet. Der Staat erfährt als infrastrukturelle Autorität eine umfassende Absicherung durch die soziale und technische Verflechtung digital aktualisierter repressiver Technologie der Überwachung, des Crowdcontrol sowie eines Industriellen-Gefängnis-Komplexes im Alltag aller Staatsbürger_innen. Dabei werden die immerhin für die Staatsbürger_innen der entwickelten Nationalstaaten weitgehend durchgesetzten Rechte zunehmend überholt und unterlaufen. Staatliche wie nichtstaatliche Akteure, die nach digitalen Maßgaben und/oder vorrangig im Digitalen agieren, operieren in einer anders geordneten Welt. Mehr noch: In dem Maße, in dem sie selbst Infrastruktur bereitstellen und deren Format prägen, bestimmen sie diese Ordnung mit, in der sich unterschiedliche Formen von Macht und Souveränität durchkreuzen und überschneiden. Die Akteure dieser neuen Weltordnung sind nationalstaatliche Regierungen, transnationale Körperschaften (IWF, WHO, EZB und NGOs), Unternehmen (Google, Facebook, Apple, Amazon etc.) sowie lokale Akteure, deren Handeln von konfliktreichen Annäherungen geprägt ist.xlvii Das verändert auch das Machtgefüge innerhalb der nationalstaatlichen Institutionen und Instanzen, was sich etwa im Bedeutungsverlust des Sozialministeriums und einem Bedeutungszuwachs des Finanzministeriums ausdrückt. Gleichzeitig bleibt aber der Nationalstaat die primäre Sicherungsebene des Kapitals. Er stellt weiterhin die Rahmenbedingungen für die Weltmarktkonkurrenz sicher. Nach dem Ende der Systemkonkurrenz bedingen sich Kapitalismus und Demokratie darin jedoch nicht gegenseitig, wie die Apologet_innen der kapitalistischen Vergesellschaftung gerade ob deren Härten jahrzehntelang behauptet haben. Der digital auf unterschiedlichen Ebenen verflochtene Staatenwettbewerb verhindert zudem Versuche »nachholender Modernisierung«xlviii: Die Gewinner und Verlierer, die er notwendigerweise produziert, werden als »failed states« aus dem Weltmarkt abgedrängt und ihm als Objekte derivativer Katastrophenprognosen unterstellt. Andere Staaten, ebenso wie multinationale Unternehmen stehen zu ihnen in einem neokolonialen Verhältnis, inklusive polizeiliche Weltordnungskriege, die nicht mehr gewonnen werden können und vielleicht gar nicht gewonnen werden sollen, sondern eine brutale Form der Katastrophenverwaltung darstellen, deren infrastrukturelle Rolle ein eigenes Geschäftsfeld ist (Kommerzialisierung des Krieges, Sicherheitsindustrie, NGOs).

 

Von Rechts reagieren Kulturalisierung und Ethnisierung auf diese Legitimationskrise, welche die Widersprüchlichkeit des westlichen Menschenrechtsdiskurses und das Scheitern nachholender Modernisierung mit einer reaktionären Rückbesinnung auf vorgestellte Gemeinschaften und Bandenwesen beantworten; entweder als Rückwendung auf nationalstaatliche Identität – hauptsächlich in noch einigermaßen funktionierenden Nationalstaaten – oder als postnationales Versprechen religiöser Gemeinschaften – Fundamentalismus – in deren Verfallsgebieten.

 

In der Unterstellung eines permanenten Notstandes, der diesen als self-fulfilling prophecy fleißig mit hervorbringt, und der daraus resultierenden Entscheidungslogik sind sie nicht das Andere, sondern das zunehmend sich angleichende Double des autoritär werdenden Nationalstaates. Das Reaktionäre ist dabei keineswegs ein irgendwie geartetes »Überbleibsel« einer vergangene Zeit, sondern – ganz wie der historische Faschismus – unbedingt modern.xlix Als politisches Projekt bedient er sich virtuos des Internets, wie umgekehrt die vereinzelten Individuen im Rechtspopulismus die Entsprechung ihrer am digitalen Stammtisch getätigten Akklamation und Hetze finden. Die Attraktivität des Reaktionären speist sich nicht zuletzt daraus, dass es ein Begehren der einzelnen Subjekte nach Souveränität lustvoll bedient, welche ihnen in der kapitalistischen Vergesellschaftung strukturell verwehrt bleiben muss. Eine Demokratisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche bleibt in dieser Logik der Souveränität notwendig verstellt. Vielleicht beobachten wir gerade die Entstehung des Faschismus 2.0.

 

Versuche, auf die ökonomische und politische Krise progressiv auch in den Formen der eigenen politischen Artikulation zu reagieren, wie die Platzbesetzungen bei Occupy und im Arabischen Frühling, und deren Erprobung in der digitalen Arena, durch 15M oder Liquid Democracy, verbleiben häufig auf der Ebene der Symptome, wo es ihnen nicht gelingt, die Widersprüchlichkeit des Kapitalverhältnisses im digitalen Kapitalismus selbst aufzugreifen. Das heißt allerdings nicht, dass diese Versuche nicht aufzunehmen sind.

 

2. Der Mensch als Natur und als Naturmacht

Dass sich Technik und Leben, Gesellschaft und Natur (unvereinbar) gegenüber stehen, ist selbst ein Effekt kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie erzeugt eine Sphäre der Gesellschaft und eine Sphäre der Natur zugleich. Insofern sich die kapitalistische Vergesellschaftung nicht von der kapitalistischen Produktionsweise trennen lässt, ist unsere Natur kapitalistisch. Natur wird dabei in doppelter Weise abgespalten: Zum einen als das romantisierte Andere der gesellschaftlichen Welt, deren harmonische Ursprünglichkeit für den Menschen verloren ist und um die daher ab 1800 nur noch mittels der Dichtung sentimental getrauert werden kann. Zum anderen wird die Natur zur Ressource, derer man sich frei bedienen kann. Die wissenschaftlichen Revolutionen des 16. Jahrhunderts sind hierin zugleich Instrument und Ausdruck eines veränderten Naturverhältnisses. Dass beide Modi der Bezugnahme miteinander verschwistert sind, ist ersichtlich: Erst in dem Moment, in dem die Natur von dem getrennt wird, in dem sich menschliche Existenz vollzieht, der Gesellschaft, und ihr zu einer Rohstoffquelle wird, kann auch ihr Verlust als »wilde« oder »ursprüngliche Natur« betrauert werden. Die Trennung zwischen Gesellschaft und Natur bleibt für beide Bezugnahmen unaufhebbar. Der geschilderte Trennungsprozess ist aber nicht rein auf der Ebene vom Sprechen über die Natur angesiedelt, in dem Natur zum Objekt vereinheitlicht wird. Vielmehr entspricht ihm verschränkte Entwicklungen auf der Ebene der Nutzbarmachung der Natur als Rohstoff, Grund und Energiequelle für Landwirtschaft und industrielle Verarbeitung. Bereits im 17. Jahrhundert sind ein Großteil der europäischen Wälder gerodet, um einerseits Brenn- und Bauholz sowie andererseits Anbau- und Weideflächen zu schaffen. Mit ihnen verschwinden auch Wildtiere wie der Wolf aus Europa, der dann im Märchen von Rotkäppchen unversehens im Bereich der populären und Hochkultur wieder auftauchen kann. Zeitgleich legen die Fürsten sich um ihre Höfe gigantische Jagdwälder und Lustparks an.

 

Die Entstehung und Expansion des Kapitalismus wäre ohne einen neuen Zugriff auf »natürliche« Quellen und ihre Aneignung sowie umgekehrt die Nutzung der »Natur« als Halde für Abfälle (heute vor allem der Erde, der Luft und der Ozeane) nicht möglich gewesen. Dafür war die Weiterentwicklung der Technik entscheidend: Erst mit Innovationen im Schiffbau und Navigation, dem Ausbau des Straßennetzes und System der Lagerung und Konservierung wird etwa der Transport großer Mengen Rohmaterials zur Weiterbearbeitung rentabel. Neue Agrartechniken ermöglichen die effektivere und umfassendere Ausbeutung des Bodens, etwa durch die Mehrfelderwirtschaft. Der Abbau von Braun- und Steinkohle und die Durchsetzung der Dampfmaschine gehen Hand in Hand. Zentral für den Kapitalismus ist, dass er sich diese Quellen kostengünstig bzw. kostenfrei aneignen kann. Das ermöglicht günstige Verwertungsbedingungen. Sie gehen in die Zusammensetzung des konstanten, aber nicht fixen bzw. fixierten Kapitals, wie etwa Maschinen oder Tiere, die für mehr als einen Produktionszyklus eingesetzt werden, ein. Hier setzt ein ähnlicher Prozess, wie in Bezug auf das variable Kapital, die Arbeitskraft, ein: Erstens nimmt mit der im Zuge der Konkurrenz erfolgenden Zunahme an Maschinerie (auch bei der Aneignung der Rohstoffe selbst), der Anteil der günstig oder sogar umsonst anzueignenden Ressourcen im Verhältnis zur Gesamtkomposition des Kapitals ab – die ›ökologische Profitrate‹ fällt.l Dabei steigen in einem jeweils konkreten Aneignungsregime die Kosten, etwa wenn Rohstoff knapp werden oder die technische Optimierung des Abbaus gegenteilige Effekte hervorbringt (Naturkatastrophen, Superweeds, pestizidresistente Schädlinge). Der Kapitalismus bleibt deshalb darauf angewiesen, die produktive Trennung zu erneuern und neue Aneignungsregime zu etablieren. Kapitalismus entsteht in konkreten historischen Naturen, Naturen entstehen aus einem konkreten, historischen Kapitalismus. Der Prozess der Erzeugung und Aneignung »günstiger Natur« ist ein fortlaufender.

 

In Bezug auf das Digitale lässt sich argumentieren, dass die Trennung in eine digitale und eine analoge Sphäre selbst ein Effekt der Digitalisierung ist. Die Romantisierung des Analogen – wie sie sich nicht zuletzt im Hype um Vinyl-Platten und analoge Spiegelreflexkameras ausdrückt – als authentisch, unmittelbar und ursprünglich – mag als Indiz dienen. Es ist eine Banalität, dass erst in Bezug auf das Digitale vom Analogen gesprochen werden kann. Zentral ist, dass es nicht zuerst eine Welt gab, die analog war und dann zunehmend digitalisiert wurde. So verstanden wäre sie auch gar nicht digitalisierbar, weil die Digitalisierung selber auf einer spezifischen Form der Welterschließung und Weltkonstitution besteht. Das macht schlüssig von dem von uns vorgeschlagenen weiten Begriff von Digitalisierung auszugehen. Digitalisierung lässt sich dann nicht bloß als die Diskretisierung von Information mittels mikroelektronischer Technik und deren mittlerweile standardisierte binäre Struktur verstehen, sondern als Aktualisierung und Intensivierung einer allgemein Logik, die dem Kapitalismus innewohnt.li Die von Marx beschriebene, für die Warenform konstitutive Abstraktion, schafft die Voraussetzungen der Digitalisierung, nämlich die Welt unter eine quantitative Metrik zu subsumieren, Phänomene und Dinge trotz ihrer Vielschichtigkeit und Eigensinnigkeit vergleichbar zu machen. Historisch setzten die Vorbedingungen der Digitalisierung also bereits mit der Geburt des Kapitalismus, mit der Ausbreitung der Warenform, dem Geld und der modernen, mathematisierten Naturwissenschaft ein. So finden sich die Voraussetzungen der Digitalisierung nicht in der Einführung typischer digitaler Maschinerie, sondern sind umgekehrt ein Produkt der Entwicklung einer Grundlogik des Kapitalismus selbst. Die Digitalisierung ist dann die spezifische Nutzbarmachung dieser vorangeschrittenen Quantifizierung der Welt. Computer, Roboter und kybernetische Systeme operieren durch die kapitalistische Formatierung der Produktion, der Natur, des Subjekts. Indem sie die Welt, die Körper, das Soziale und zunehmend auch geistige und emotionale Fähigkeiten selbst in standardisierte Einheiten zerlegt, erlaubt sie deren Kapitalisierung, d.h. deren Subsumtion unter das Kapital.lii Der nächste Schritt dieser Tendenz ist das Internet der Dinge. So wird das ganze Potential einer vergleichbaren und berechenbaren Welt ausgeschöpft: Daten können erhoben, algorithmisch verarbeitet und so für Produktion, Distribution und Werbung genutzt werden.liii

 

Vor dem Hintergrund aktueller technisch-ökologischer Katastrophen lässt sich behaupten, dass die für den Kapitalismus so konstitutiven wie produktiven Trennungen an eine Grenze gestoßen sind und erodieren. Eine bestimmte Art der Zurichtung und Aneignung von Natur, die vor allem auf der Ausbeutung fossiler Brennstoffe und ihrer Entsorgung in der Atmosphäre basierte und welche die Energiebeschaffung für Kapitalismus lange Zeit extrem günstig hielt,liv scheint nicht mehr unbegrenzt und auf lange Dauer möglich zu sein. Die Frage ist, ob ein neues Regime entsteht, in dem die Natur als »billige Natur« (cheap nature) weiterhin in die Kapitalakkumulation eingehen kann. Die aktuellen Debatten um das sogenannten Anthropozän, altgriechisch für das menschlich (gemachte) Neue,lv zollen jedenfalls dem Umstand Rechnung, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem spätestens mit dem Beginn des massenhaften Abbaus und Einsatzes fossiler Brennstoffe und der Ablagerung ihrer Abfälle in der Luft, menschliche Aktivitäten nicht mehr nur die Oberfläche der Erde durchfurchen, sondern ihre geologische und atmosphärische Gestalt unwiederbringlich verändert. Sie findet in dem enormen Bedarf nach Energie, Ressourcen und Infrastruktur der Digitalisierung und Automatisierung ihre Fortsetzung.

 

Dieser Diskurs zerlegt die Binarität von Technik und Natur nachhaltig: Die Menschheit selbst wird zur chaotischen Naturmacht. Die Vorstellung von Natur als harmonisch, abgeschlossen und durch menschliche Aktivitäten gestört, ist vor diesem Hintergrund umgekehrt leicht als ideologisch zu erkennen. Die Natur selbst ist historisch und chaotisch (Eiszeiten, Vulkanausbrüche, Artensterben etc.). Und weil sie nicht einfach als eine solche harmonische oder in sich geschlossene gegeben ist, kann sie weder geschützt, zurückgegeben noch gerettet, sondern nur transformiert und weiter gestaltet werden. Die Debatte um das Anthropozän bleibt unkritisch, weil sie nicht die Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Produktionsweise, ihren Zwang zur Kapitalakkumulation, als die Grundlage dieser Weltveränderung einbezieht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur ein kommunistisches Naturverhältnis überhaupt erst vorstellbar, es zeigt sich zugleich, dass –– ob nun die Natur als Ressource und Abfallhalde an ihre Grenzen kommt und keine neuen Regime der Aneignung mehr etabliert werden können und der Kapitalismus auch deshalb in eine epochale Krise trittlvi oder ob es dem Kapitalismus umgekehrt gelingt ein neues Regime der Naturaneignung zu entwickeln –– eine Transformation in unserem emanzipatorischen Sinne, von unserem Handeln abhängt.lvii Diese Transformation kann im Zeitalter des ›Kapitalozän‹ aber wiederum nur eine Revolutionierung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse sein.

 

3. Die Stellung zur Technik oder der Wiederholungszwang der Kritik

Der Kapitalismus reproduziert seine Bereiche – Ökonomie, Politik, Subjekt, Geschlecht etc. – nicht nur durch die neuen Technologien und erweiterte darüber die Reproduktion dieser Bereiche. Er aktualisiert dadurch auch seine Gegensätze und Widersprüche und mit ihnen seine Kritik. Genaugenommen reproduziert auch diese Kritik ihre Gegensätze und Widersprüche, denn es stehen sich in der gegenwärtigen Kritik der Digitalisierung Positionen gegenüber, die in der Geschichte der Kapitalismuskritik bereits bei früheren technischen Revolutionen ins Feld geführt wurden. Diese Gegensätze ergeben sich nicht bloß aus unterschiedlichen Einschätzungen und unterschiedlichen Beurteilungen. Die Technik ist eine Grundsatzfrage für die Kritik, weil sie an ihr das Verhältnis zur Produktivkraft und zu den Produktionsmitteln klären muss: Die Technik bringt die beiden Elemente der kapitalistischen Produktionsweise, Arbeit und Kapital, gewissermaßen auf den Punkt. Mehr noch, der Kapitalismus ist bereits selbst diese Technik: Arbeit und Kapital sowohl zu trennen als auch ins Verhältnis zu setzen und darüber zu reproduzieren. Die einzelnen Technologien der Digitalisierung verkörpern, wie immer ihre Gestalt auch ausfällt, jeweils genau diese Technik der kapitalistischen Produktionsweise. In der Technik nimmt also die produktive Kraft des Verhältnisses von Arbeit und Kapital eine bestimmte Gestalt an – zunächst die Gestalt der Dampfmaschine und der Manufaktur, dann der großen Industrie, der Fließbänder und der maschinellen Apparate, heute die Gestalt der Rechenmaschinen, der Daten und der Vernetzung.

Durch alle technischen Revolutionen hindurch musste die kritische Bestimmung der Technik durchgängig auf das Gesellschaftliche und spezifisch Kapitalistische der Technik zielen, genau wie es der Kritik in der Bestimmung der Arbeit und ihrer Produktivkraft stets um den gesellschaftlichen und spezifisch kapitalistischen Charakter der Arbeit ging. Bei beiden ging es immer jeweils um ihre gesamtgesellschaftliche Bestimmung und ihre produktive Kraft, aber auch um die kapitalistischen Bedingungen, die sie überhaupt erst in Kraft setzen. Es ging also um die kapitalistischen Verhältnisse ihrer Anwendung und Ausbeutung, ihrer Organisation und Herrschaft, ihrer Entfesselung und Beschränkung. Sie hat zwei ebenso gegensätzliche wie radikale Positionen herausgefordert, und beide haben ihre Berechtigung, ohne dass ein Drittes gegeben zu sein scheint. Die beiden Positionen sind daher bislang entweder unversöhnt geblieben, oder sie liefen auf einen bloßen Kompromiss hinaus.

 

Für beide Seiten ist die Technik zunächst nichts Neutrales, denn beide stellen auf ihren gesellschaftlichen und kapitalistischen Charakter ab, sowie auf ihre Bedeutung für die kapitalistische Produktivkraft und ihre Steigerung. Aber für die eine Seite ist Technik als Technik eine Form der Herrschaft.lviii Das Technische ist untrennbar verbunden mit einer bestimmten Organisation und Anwendung, Homogenisierung und Formierung der Arbeit und der Bevölkerung, der Natur und der Ressourcen, der Zeit und der Gesellschaft. Die Technik kann nicht einfach von ihrer kapitalistischen Anwendung befreit und kurzerhand angeeignet und übernommen werden, um sie geradewegs und bruchlos in eine andere, sozialistische Gesellschaft zu überführen und sie statt kapitalistisch nun gebrauchswertorientiert und zum Nutzen aller anzuwenden. Vielmehr gilt es sich in einer Art substraktiven Logik von der Technik abzuziehen und die Technik nicht einfach nur von ihrer kapitalistischen Anwendung zu befreien, sondern auf eine Befreiung von der Technik selbst zu zielen; es geht also darum, die kapitalistische Produktionsweise zusammen mit ihrer Technik zu überwinden. Dieselbe Kritik gibt es auch gegen die Arbeit gerichtet. Dieser Kritik zufolge ist die Arbeit ebenfalls nicht kurzerhand von ihrer kapitalistischen Anwendung und Beherrschung zu befreien, um sie nur mehr sozialistisch anzuwenden. Vielmehr muss es um die Befreiung von der Arbeit gehen, um die Überwindung der Form »Arbeit« als solcher.

Die andere Seite stellt dagegen auf den gesellschaftlichen Charakter der Technik und auf ihre Verkörperung des Gemeinsamen ab. Hierfür steht exemplarisch der Postoperaismus, wie ihn der italienische Philosoph Antonio Negri in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Die Technik versammelt und akkumuliert nicht nur das Wissen der Gesellschaft, sie bindet und entfesselt das Wissen nicht nur, sondern gerät genau dadurch auch in Widerspruch zu ihrem privaten Besitz, zu ihrer klassenmäßigen Anwendung und zu den kapitalistischen (Profit-)Interessen. Die Technik ist das, was den Kapitalismus, so sehr er sie auch allererst hervorbringen mag und so sehr er sie auch für seine Zwecke zu bändigen versucht, übersteigt.lix Gerade weil in der Technik das Gemeinsame der Gesellschaft angelegt und eingebunden ist, gerade weil die Technik die produktiven Kräfte der Gesellschaft zusammenführt und strukturiert, gerät sie in Widerspruch zu eben diesen kapitalistischen Bedingungen. Auch das gilt aus dieser Sicht wieder analog für die Arbeit, deren gesellschaftliche Bestimmung ebenfalls im Widerspruch zu ihrer kapitalistischen Organisation steht.

 

Dieser Gegensatz beherrschte bereits die Stellung der Kritik zur Naturwissenschaft und ihrer Einbindung in die Technologien der Industriegesellschaft. Hier war es vor allem der Marxismus, aber auch die gesamte fordistische Linke (sozialistische Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie, Gewerkschaften etc.), die sich euphorisch auf den Universalismus einer (Natur-)Wissenschaft beriefen, die universelle Gesetze über Raum und Zeit hinweg zu formulieren vermag und darin dem bornierten, ausbeuterischen und privaten Charakter der kapitalistischen Anwendung widerspricht. Mehr noch, indem die Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft wird und Produktionsmittel und Arbeit wissenschaftlich organisiert, geraten diese in einen sich ständig verschärfenden Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die als, wenn auch notwendige, so doch bloße historische Durchgangsphase erscheinen. Beide, die Produktionsmittel wie die Arbeit, schienen auf eine gesamtgesellschaftliche, gebrauchs- und nutzenorientierte sozialistische Organisation zu warten oder vielmehr durch ihre immanente Entwicklung von selbst darauf hinauszulaufen. Entsprechend sah sich die Kritik als Erfüllungsgehilfin dieses universellen Charakters und als seine legitime Erbin, wollte sie sich selbst die Krone der Folgerichtigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung und der Auflösung der kapitalistischen Widersprüche aufsetzen.

Dem stand eine Kritik gegenüber, die vor allem im westlichen Marxismus, in der Kritischen Theorie und später in den Neuen Sozialen Bewegungen formuliert wurde, aber auch in der konservativen Kapitalismuskritik. Diese Kritik brach mit dem emphatischen Fortschrittsbegriff und den Erwartungen an die Produktivkraftentwicklung und ihre Widersprüche zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Der Bruch bestand darin, auf eine Dialektik der Aufklärung und eine negative Dialektik aufmerksam zu machen: Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik und in der Produktivkraft bringt sein eigenes Gegenteil mit sich, und zwar nicht nur, weil er zu negativen Folgen führt (Umweltzerstörung, ungleiche Verteilung, Konkurrenzkampf etc.). Vielmehr schlagen Wissenschaft und Technik geradezu unmittelbar in ihr eigenes Gegenteil um, in Herrschaft und Destruktion. Auch und gerade der Universalismus der Wissenschaft und des Technischen bringt eine Herrschaft mit sich, die objektiv und neutral auftritt und sich der Kritik entzieht.

 

Mit dem Umbruch in die postfordistische Produktionsweise scheinen sich die beiden unterschiedlichen Kritiken, die bereits gegenüber der Naturwissenschaft, der Industrie und gegenüber der industriellen Massenarbeit formuliert wurden, nun gegenüber dem digitalen Kapitalismus und seinen Techniken zu wiederholen. Sollen wir die Logik der neuen Techniken, sollen wir ihre Algorithmen und ihre Netzwerke, die Logistik und ihr Kommunizieren etc. – sollen wir all das unterbrechen, die Schnittstellen trennen, die Technik sabotieren und uns entziehen? Oder sollen wir das Gemeinsame, das in der Technik versammelt ist, aneignen? Oder sollen wir es vielmehr zuerst erobern und einlösen? Sollen wir die technologische Entwicklung noch beschleunigen, sie überaffirmieren und so die Entwicklung nach vorne auflösen und über sie selbst hinaustreiben?lx Oder geht es im Gegenteil darum, zu entschleunigen und uns auf ein Post-Wachstum einzustellen? Geht es darum, eine falsche Alternative zu überwinden? Oder müssen wir uns tatsächlich auf einen »vernünftigen Kompromiss« einlassen?

 

4. Reproduce(future)

Die Digitalisierung durchdringt heute alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Das Worldwideweb existiert gerade einmal 25 Jahre und ist doch selbstverständlicher Teil unseres Alltags, den wir jederzeit in unseren Hosentaschen mit uns rumtragen. Im Jahr 2000 steuerte man noch auf klotzigen Handys beim Spiel Snake eine Schlange in schwarz-weiß über den Bildschirm. Jetzt erlauben Smartphones eine computergestützte Erweiterung der Realität, auch wenn wir damit zurzeit vor allem putzige Monster jagen, die selbst aus der Snake-Ära stammen. Die Frage ist nicht, wo genau die technologische Entwicklung in 25 Jahren angekommen sein wird, sondern ob wir es geschafft haben werden, die in ihnen liegenden Kräfte freizusetzen und sinnvoll gegen die kapitalistischen Verwertung zu nutzen. Solange das Wertgesetz herrscht, reicht eine technische Alphabetisierung nicht aus, auch wenn die Defizite in Teilen der gesellschaftlichen Linken, zu denen wir uns selbst rechnen, Möglichkeiten verstellen, die es heute schon gäbe. Aber es reicht auch nicht das Wertgesetz in seinen immer feineren Ausformungen zu verfolgen und darin seine Ziselierungen im kritischen Gestus noch zu überbieten, wenn wir keine Idee davon haben, was ihm entgegenzusetzen ist. Wenn der Kommunismus die freie Assoziation der Individuen ist, so ist seine Vorbereitung nichts anderes als die kollektive Herausbildung selbstständiger Handlungsfähigkeit. Aus ihr ergibt sich erst der zwanglose Bezug der Individuen aufeinander. Wie aber diese Fähigkeiten unter gegebenen Bedingungen erlangen, wenn sie von deren institutionellen Mechanismen permanent selbst verhindert werden? Passivität und Isolierung, die ihren Grund in der Einrichtung des Ganzen haben, kann nur die Umwälzung dieses Ganzen beenden. Jeder Do-it-yourself-Reformismus, der die getrennten Bereiche des Lebens umgestalten will, ohne Teil eines Projekts der universellen Infragestellung zu sein, ist bestenfalls ein Versuch, die bunten Youtube-Channel des digitalen Knasts um ein paar weitere Clips zu ergänzen. Es geht darum, die Reproduktion des Kapitalismus zu unterbrechen, indem wir eine neue Art der gesellschaftlichen Reproduktion etablieren. Damit müssen wir notgedrungen hier und jetzt beginnen.

 

Welche Möglichkeiten Digitalität, Smartphones, Hacken etc. für emanzipatorische Kämpfe bieten, finden wir heraus, indem wir sie erproben. Hierzu sind vor allem andere, neue kollektive Praktiken der Wissensvermittlung nötig, wie sie im Hacker- und Open-Source Milieu teilweise bereits erprobt und entwickelt werden. Sie müssen sich ebenso gegen die Einschränkung und ungleiche Verteilung des Zugangs richten, wie sie als praktische Kritik zu formulieren, statt als positivistisches Lernprogramm auszubauen sind. Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass Wissen kein Sachverhalt ist, sondern ein Verweisungszusammenhang, der gemeinschaftlich reproduziert wird. Wissen in kapitalistischer Vergesellschaftung ist ein antagonistischer Kampf, der nicht zuletzt um dessen Formatierung und (Waren-)Form ausgetragen wird. Dazu gehört auch die Nutzung, Entwicklung und der Ausbau der bereits vorhandenen sozio-technologischen Strukturen, Plattformen und Netzwerke, die unter anderen Vorgaben als denen des Kapitalismus operieren und zur Schaffung globaler Verbindungen, zum Austausch und der Entwicklung widerständiger Praktiken beitragen.

 

Zweitens ist das Verständnis des digitalen Akkumulationsregimes zu konkretisieren, indem wir in die sozialen Konflikte um und innerhalb dieses Regimes einsteigen. Welche Formen von Kämpfen, von direkten Aktionen und Sabotagen sind effektiv, an welchen Knotenpunkten ist das Kapital empfindlich zu treffen, wenn sich in ihm die Stellung menschlicher Arbeit verschiebt? In dem Maße, in dem Logistik und Infrastruktur, Extraktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft ins Zentrum der kapitalistischen Produktion rücken, werden sie zu ausgezeichneten Angriffszielen, weil sie Landgewinne ermöglichen und eine Zuspitzung erfahren können. Indem wir die Klassenkomposition des digitalen Kapitalismus untersuchen und in ihm agieren, lassen sich neue Verbindungen herstellen, Arbeitskämpfe führen und sie zu Kämpfen gegen die Arbeit machen.

 

Gleichzeitig ist die kapitalistische Infrastruktur auf ihre Potentiale für eine nicht-kapitalistische Vergesellschaftung zu befragen. Wo das Kapital virtuos die Verbindungen und Spaltungen zwischen Weltmarkt, Nationalstaaten und lokalen Gegebenheiten bespielt, ist jeder Rückzug auf die eingebildete Souveränität des Nationalstaats und dessen Übernahme von links nicht nur aussichtslos, sondern gefährlich. Ansätze, die den Kapitalismus blind nach vorne auflösen wollen, wie der Akzelerationismus, bleiben selbst jener Fortschrittslogik verhaftet, die sich im Kapitalismus in dessen Katastrophisierung bereits überboten hat. Das die Katastrophe schon eingetreten ist, ist bei aller Notwendigkeit im Hier und Heute zu agieren, auch ein Grund, sich ihrer Entscheidungslogik zu entziehen und auf eine andere Zukunft zu setzen. Gleichzeitig liegt in ihnen ein wahrer Kern, wenn sie betonen, dass sich niemand vorstellen kann, welche unerschlossenen Möglichkeiten in der bisher entwickelten Technik liegen. Dieses Unvorstellbare ist unsere Wette. Für ihre Artikulation müssen wir Worte und Sprachen finden, welche die zerstückelte (Klassen-)Erfahrungen des katastrophischen Kapitalismus sagbar macht. Der fundamentale Widerspruch zwischen dem Zwang zur Arbeit und seiner möglichen Aufhebung durch die Indienstnahme der Technik rücken wir ins Zentrum: Wie kann es sein, dass die Maschinen die Arbeit entwerten und sie sich gleichzeitig verewigt? Diesen Widerspruch gilt es zu repolitisieren. Angesichts eines Zeitalters, in dem es einfacher ist, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus, weil beide bis zur Ununterscheidbarkeit verschmolzen sind und die Katastrophe, die das für uns alle bedeutet, immer schon hinter uns liegt, bleibt weiterhin zu zielen auf das »Einfache, das schwer zu machen ist.«lxi

 

T.O.P. B3rlin

Berlin im November 2016

 

 

 

 

 

 

 

i So jüngst etwa der britische Journalist Paul Mason in Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016. Mason prognostiziert darin, dass die zunehmende Verbreitung digitaler Güter zum Übergang vom Kapitalismus zum Postkapitalismus führen könnte. Die Preise dieser Güter tendierten gegen null und unterwanderten so klassische Preisbildungsmechanismen. Weil Information immer mehr zum zentralen Produktionsfaktor würde, könnte dieser »Nullpreis-Strudel« irgendwann die gesamte Wirtschaft erfassen. Laut Mason ist eines der wichtigsten Kennzeichen der dann folgenden, neuen Vergesellschaftung, dass Güter auch weiterhin produziert werden, obwohl sie kostenlos seien oder nur billig verkauft würden. Gleichzeitig verschwämme die Grenze zwischen Freizeit und Arbeitszeit und hierarchiearme Organisationsformen setzten sich durch. Warum wir das für wenig plausibel halten, entwickeln wir auf den folgenden Seiten.

ii Christian Voller entwickelt den Zusammenhang zwischen der Idee einer Eigenmächtigkeit der Technik und der Produktionsweise des Kapitalismus anhand einer Auseinandersetzung mit den Denkern der ›Konservativen Revolution‹, insbesondere die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger, Oswald Spengler, Arnold Gehlen und Martin Heidegger. Er hält dagegen an den Einsichten der Kritischen Theorie in den Verblendungszusammenhang der Warengesellschaft und dessen notwendiger Kritik fest. »Im Zeitalter der Technik? Technikfetisch und Postfaschismus« aus dem u.a. von Ingo Elbe herausgegebenen Sammelband Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, Münster 2012, Seite 249-279.

iii Wir leihen uns für den Einstieg in unseren Text dieses Bild bei dem Autor Dietmar Dath, der mit diesem umgekehrt seine Streitschrift Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus, Frankfurt am Main 2008, beschließt. Wie kompliziert es ist und welche grundsätzlichen Schwierigkeiten einem bei dem Versuch begegnen, ist Gegenstand der folgenden Seiten.

iv Die Politikwissenschaftler Joachim Hirsch und Roland Roth bestimmten vergleichsweise früh die aktuellen Veränderungen des Kapitalismus als Übergang eines Akkumulationsregimes zu einem anderen. Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Post-Fordismus, Hamburg 1986.

v In der Zeitschrift Kosmoprolet #4 gibt es dazu interessante Zahlen, z.B. auf Seite 48. Online: www.kosmoprolet.org.

vi MEW 42, Seite 601.

vii Das Sternchen soll verdeutlichen, dass wir uns hier nicht auf eine vermeintlich biologische Kategorie von Geschlecht beziehen. Stattdessen meinen wir all diejenigen, die gesellschaftlich als Frauen* verstanden werden oder sich selbst als Frauen* verstehen.

viii Das ist allerdings nur eine Tendenz. Umgekehrt beteiligen sich viele Unternehmen des digitalen Kapitalismus an der Entwicklung von Open Source. Sie erhoffen sich davon die Implementierung eigener Standards einerseits, Innovationsvorsprünge andererseits. Immer aber geht es dabei auch um Kontrolle und Zugänge. Siehe allgemein zu dieser Problematik für das Kapital auch den Abschnitt 1.5.

ix Die italienische Theoretikerin und Aktivistin Tizianna Terranova entwickelt diesen Gedanken in Grundzügen in ihrem Aufsatz »Red Stack Attack! Alogrithmen, Kapital und die Automatisierung des Gemeinsamen« von 2014, wobei sie einer Tendenz postoperaistischer Theoriebildung folgend von einem quasi-parasitären Verhältnis des Kapitalismus im Bezug auf das Wissen ausgeht. Auf Deutsch erschienen in Armen Avanessian, Robin Mackay (Hrsg.): #Akzeleration#2, Berlin 2014. Eine englische Fassung findet sich online: http://effimera.org/red-stack-attack-algorithms-capital-and-the-automati....

x Als künstlerische Intervention formuliert Laurel Ptak in expliziter Aufnahme und Auseinandersetzung mit der 1972 in Italien von Selma James begründeten Kampagne »Wages for Housework« das Manifest »Wages for Facebook« Online: http://wagesforfacebook.com/.

xi Siehe Cathy O’Neil: Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, New York 2016.

xii Für eine kritische Diskussion dieses Aspekts siehe: Kathrin Passig, Arne Janning: »Wie die Frage ob Machine Learning eine Black Box ist wieder einmal nicht geklärt wurde« In: Merkur, 29.08.2016. Online: https://www.merkur-zeitschrift.de/2016/08/29/wie-die-frage-ob-machine-le....

xiii Wir sprechen vom digitalen Kapitalismus, weil wir der Auffassung sind, dass die Digitalisierung die grundlegenden Bedingungen der Kapitalakkumulation auf eine neue technologische Basis stellt. Es macht aber auch Sinn, den Begriff enger zu fassen. Er meint dann jene Unternehmen, die vorrangig auf dem Gebiet des digitalen – im Internet – tätig sind. Die Politikwissenschaftler und Ökonomen Oliver Nachtwey und Philipp Stab haben für diesen digitalen Kapitalismus nicht nur versucht, einige zentrale Merkmale zu extrahieren, sondern ihn auch in ein Verhältnis zum industriellen Kapitalismus gesetzt. Sie gehen davon aus, dass er derzeit von einer begleitenden in eine disruptive Phase tritt, das heißt, dass er den Gesetzen der Markteroberung mittels Innovation und nicht mittels Preissenkung folgend, den ›analogen‹ Kapitalismus umformt: Sie bringen dies auf die der Theorie der ›schöpferischen Zerstörung‹ des Ökonomen Joseph Schumpeter entliehene Formel: »Digitale Schöpfung, analoge Zerstörung. Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus.« In: Mittelweg 36. 24. Jg. Heft 6, Dezember 2015/Januar 2016 Seite 59-84. Online: http://www.eurozine.com/articles/2016-02-02-nachtwey-de.html.

xiv Wir folgen hier in der Wortwahl dem italienischen Philosophen Maurizio Lazzarato, der von Katastrophe spricht, um zu markieren, dass wir in einer Phase permanenter Krisen leben.

xv Seit 1900 drehen sich innermarxistische Debatten darum, ob es sich bei der ursprünglichen Akkumulation um einen einmal vollzogenen und abgeschlossenen historischen Prozess handelt, oder eben nicht. Diese Form der Aneignung wird, so die gegenteilige Annahme, vielmehr fortlaufend in den Verwertungsprozess des Kapitals eingespeist und bestimmt dessen Verwertungsbedingungen mit. Vergleiche: MEW 23, Seite 741.

xvi Lehrreich ist dazu die Darstellung des australischen Kulturtheoretiker Brett Neilson und des italienischen Politikwissenschaftlers Sandro Mezzadra zum Zusammenhang zwischen Finanzialisierung, Rohstoffextraktion und Logistik in dem Aufsatz »Extraction, logistics, finance. Global crisis and the politics of operation.« In: Radical Philosophy, 178, März/April 2013, Seite 8-18. Sie verstehen Logistik auch als ein analytisches Instrument, um die Spezifik des globalen Kapitalismus im 21. Jahrhundert zu beschreiben.

xvii Oder einer Arbeiter_innenklasse, die durch eine wie auch immer geartete und ausgezeichnete Avantgarde zum Selbstbewusstsein gebracht werden muss.

xviii Der in England arbeiteten italienische Soziologe und Philosoph Alberto Toscano untersucht die Möglichkeiten und Grenzen politischer Kämpf im Feld der Logistik in einem Artikel für das Viewpoint Magazin von 2014 unter dem Titel »Lineaments of the Logistical State« Online: https://viewpointmag.com/2014/09/28/lineaments-of-the-logistical-state/.

xix Dieser Teilbereich des digitalen Kapitalismus wird oft verallgemeinert und zur neuen Strukturweise des Kapitalismus erklärt. Dagegen halten wir sowohl an einem breiteren Begriff der Digitalisierung wie an einer engeren Bestimmung des Kapitalverhältnisses fest. Für die Einführung in die Prinzipien dieses oft sogenannten »Plattformkapitalismus« orientieren wir uns an der Darstellung des Politikwissenschaftlers Wolfang Fritz Haug im Editorial der Ausgabe 311 von Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften unter dem Titel »Jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger« In: Das Argument 1/2015, Seite 7-12, insbesondere Seite 9f.

xx Im bereits erwähnten Artikel »Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus« (siehe Fußnote 12) verweisen die Autoren auch auf die Veränderungen der Struktur des Kapitals im digitalen Kapitalismus. Sie konstatieren eine Rückkehr der Figur des innovativen Unternehmers. Allerdings sehen sie auch eine Konsolidierungstendenz. Aufgrund der Zentralität von Innovation und der geringen Reproduktionskosten digitaler Güter nach ihrer Entwicklung, war es in der volatilen, also sehr beweglichen Phase des digitalen Kapitalismus möglich, mittels eines neuen Produkts das ganze Feld neu zu organisieren. Dies wird in der jetzigen Phase, wo etwa Google oder Facebook gigantische Summen in die Kontrolle und den Ausbau ihrer technologischen Grundlagen, etwa durch den Aufkauf von innovativen Firmen investieren, zunehmend schwierig.

xxi Die Gruppe capulcu. keep the future unwritten stellt die Strategie Facebooks und den Widerstand dagegen detailliert in ihrem Artikel »Facebook the Conquerer« dar und verweist dabei auch auf andere Beispiele aus der Geschichte der Durchsetzung neuer Technologien. Online: https://capulcu.blackblogs.org/neue-texte/facebook-the-conqueror/.

xxii Zum Internet der Dinge siehe auch Abschnitt 2.3 sowie 3.2.

xxiii Eine nach gewerkschaftlichen Chancen suchende Darstellung dieser Veränderungen der Arbeitswelt bietet der Aufsatz von Mario Candeias: »Kollektive Kreativität« In: Zeitschrift Luxemburg, Januar 2016. Online: http://www.zeitschrift-luxemburg.de/kollektive-kreativitaet/.

xxiv Lilly Irani, Professorin für Kommunikationswissenschaften und Sciences Studies sowie Aktivistin, beschreibt zahlreiche Arbeiten dieser Art eindrücklich in ihrem Rezensionsessay »Justice for ›Data-Janitors‹« Online: http://www.publicbooks.org/nonfiction/justice-for-data-janitors.

xxv Das Surplus-Proletariat sind die »Überflüssigen«, also diejenigen für die das Kapital grundsätzlich oder zeitlich beschränkt keine Verwendung hat. Diese Gruppe lohnabhängiger, aber beschäftigungsloser Menschen gab es seit Anfang des Kapitalismus, sie ist aber heute auf ein historisch unbekanntes Maß angewachsen. Das Verhältnis von Überschussbevölkerung und Überschusskapital wurde jüngst in den Zeitschriften Kosmoprolet #4 und Endnotes #2 diskutiert. Wir haben uns an dieser Debatte orientiert.

xxvi Mike Davis: Planet der Slums. Berlin 2007. In seinem Buch beschreibt Davis, wie die Elendsviertel seit den 1970ern weltweit zunehmen und zahlenmäßig anwachsen. Derzeit leben so viele Menschen in Städten wie nie zuvor. Doch wo bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Urbanisierung mit einem entsprechenden Bedarf an Arbeitskräften einherging, hat das Kapital mit zunehmender Produktivkraftentwicklung immer weniger Verwendung für diese Menschen: Sie sind die Überflüssigen, die verarmt und ohne staatliche Fürsorge auf informelle Arbeitsverhältnisse angewiesen sind. Ursächlich für diese Entwicklung sieht Davis allerdings politisches Versagen der jeweiligen Staaten und nicht die dem Kapitalismus inhärente Entwicklung der Produktivkräfte. Ausführlichere Kritik an Davis findet sich im Kosmoprolet #4, Seite 46. (www.kosmoprolet.org)

xxvii Zur Konzeption des »verschuldeten Subjekts« als Nachfolgefigur des neoliberalen »unternehmerischen Selbst«, wie es der Soziologe Ulrich Bröckling in die Diskussion eingeführt hat, siehe den Essay Maurizo Lazzaratos: Die Fabrik des verschuldeten Menschen. Ein Essay über das neoliberale Leben, Berlin 2012. Lazzarato sieht das unternehmerische, kreative Selbst bereits mit dem Crash der DotCom-Blase 2000 von der Figur des verschuldeten und schuldigen Selbst abgelöst: Er beschreibt die Strategie des Neoliberalismus als Erzeugung einer verschuldeten Welt und verschuldeter Subjekte, die dem Finanzkapital weitreichenden Zugriff auf die Bestimmung gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus erlaubt.

xxviii Die Universität wäre dann heute nicht darum ausgezeichneter Ort radikalen Denkens, weil ihre Insassen von den Zwängen der kapitalistischen Vergesellschaftung zeitweise mehr oder weniger – und immer nur je nach Klassenlagen – freigestellt sind, wie das vielleicht noch für die 1960er Jahre gegolten haben mag. Im Gegenteil, die Universität als Fabrik wäre ein Ort radikaler Kämpfe, weil sie Modell und Motor des neuen Akkumulationsregimes – die Gesellschaft als entgrenzte Universität – ist.

xxix Donna Haraway: A Cyborg Manifesto. Georgetown 1985. Siehe auch Fußnote 45.

xxx MEW 23, Seite 743.

xxxi In der Tat verlief der Übergang von der mittelalterlichen zur bürgerlichen Welt bzw. von der feudalen zur kapitalistischen Vergesellschaftung keinesfalls reibungslos, sondern lässt sich besser als Serie von brutalen sozialen Auseinandersetzungen schildern, von den Bauernkriegen über den Genozid an den Bevölkerungen der beiden Amerikas. Aus dieser Sequenz von Kämpfen ging mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges die neue nationalstaatliche Ordnung hervor, allerdings nur in Europa. Zentral für diesen Prozess waren die Neuordnung des Sozialen und die Entstehung eines neuen Subjekttyps mittels eines ganzen Arsenals an ideologischen, technischen und sozialen Instrumenten, die in einem neuen Regime der Disziplin mündeten. Die italienische Marxistin Silvia Federici hat in ihrem Buch Caliban und die Hexe, Wien 2002, eindrücklich diesen Prozess aus dem Blickwinkel der Hexenverfolgung beschrieben, den sie als einen Krieg gegen die Frauen und ihre Stellung innerhalb der vorkapitalistischen Gemeinschaft erkennt, gerade weil diese eine Potenz des Widerstands darstellte.

xxxii Ian Bogost diskutiert die Absurditäten dieses »superflous computing« ganz konkret, anhand von smarten Fahrradschlössern und Gastanks. Außerdem wirft er einen Blick auf den Ursprung des Internets der Dinge im »Ubiquitous computing«, dessen Vision es war, tatsächlich unsichtbare, aber auch langsame oder seltsame Computer zu schaffen, deren Verbindung mit der materiellen Welt zumindest reflektiert werden sollte. Ian Bogost: »The Internet of Things You Don’t Really Need« In: The Atlantic, 23.06.2015. Online: http://www.theatlantic.com/technology/archive/2015/06/the-internet-of-th....

xxxiii Der Kulturtheoretiker Mark Fisher hat die psychischen Folgen des Neoliberalismus in seinem Buch Kapitalistischer Realismus ohne Alternative, Hamburg 2013, prägnant herausgestellt. Er zeigt dabei das Regime und System der Psychiatrisierung und Therapie nicht als dagegen gerichtet, sondern als Teil dieses Systems. In dem Aufsatz »The End of Emo-Politics« zeigt er deren strukturelle Aporien auf und verweist auf die Heilungskräfte gesellschaftlicher Organisierung. Online: https://deterritorialinvestigations.wordpress.com/2016/03/26/mark-fisher....

xxxiv Der kulturkritische Philosoph Roberto Simanowski nennt das data love. Siehe: Data Love. Berlin 2014.

xxxv Während die Euromayday Paraden der 2000er Jahre das Prekariat mindestens so sehr als ›kreative und gefährliche Klasse‹ entwarfen, wie sie auf die Veränderungen der Organisation von Arbeit im Kontext des Postfordismus hinweisen wollten, was sich auch im karnevalesken Charakter der Paraden ausdrückte, begegnet die Prekarisierung aller Lebensbereiche auch in den industrialisierten Ländern heute in einer existenzielle Weise großen Bevölkerungsteilen.

xxxvi Diese Überlegungen basieren auf dem Text We Are All Very Anxious. Six Theses on Anxiety & the Prevention of Militancy vom Institute for precarious consciousness. Online: http://criticallegalthinking.com/2014/04/17/six-theses-anxiety-prevention-militancy/. Eine gekürzte und von TOP B3rlin ins Deutsche übersetzte Fassung ist mit einer kurzen Nachbemerkung in der a&k zu finden: https://www.akweb.de/ak_s/ak596/34.htm Eine vollständige deutsche Übersetzung von der Gruppe Zweiter Mai findet sich unter: https://linksunten.indymedia.org/de/node/136285.

xxxvii Der Philosoph und Designtheoretiker Benjamin H. Bratton verweist darauf, dass wir künstliche Intelligenz nur unzureichend erfassen, wenn wir sie nach dem Modell menschlicher Erkenntnisweisen beschreiben. Mehr noch argumentiert er dafür, mittels der Auseinandersetzung mit intelligenten Maschinen den Begriff der Intelligenz selbst neu zu fassen. Was das in der Konsequenz für eine emanzipatorische Linke bedeutet, wäre – nicht unbedingt in Bezug auf die Antworten von Bratton – zu diskutieren.

xxxviii Eine analoge Tendenz lässt sich für die USA und England mit der Rückkehr der Soldaten aus Kontinentaleuropa nach dem zweiten Weltkrieg beobachten.

xxxix »The intensification of reproductive intervention has contributed to the increasing visibility of a significant site of late-twentieth-century cultural contestation, namely the foundational meanings connected to reproduction« in: Sarah Franklin, Helena Ragoné: Reproducing Reproduction. Kinship, Power, and Technological Innovation, Pennsylvania 1998, Seite 9.

xl Aufschlussreich hierfür das Theorieexperiment des_der spanische_n Philosoph_in Paul B Preciado: Testo Junkie, in dem er_sie über ein Jahr hinweg eine minimale Menge Testosteron appliziert, die gerade keine vollständige Umwandlung der Geschlechtscharakteristiken vollzieht. An dieses Selbstexperiment knüpft sich eine umfassende Auseinandersetzung mit Michel Foucaults Theorie der Biopolitik und der Versuch eines Updates für das 20. Jahrhundert, für das Preciado von einem psychopharmakopornographischen Regime spricht. Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie, Berlin 2016.

xli Die englische Philosophin und Intellektuelle Nina Power unterzieht in ihrem Aufsatz »Technologien der Antifamilie« Firestones Ansatz einer kritischen Analyse, indem sie Firestones Prämissen aufnimmt, und sie dann auf das Verhältnis zwischen Biologie, Ökonomie und Politik befragt. Sie kommt letztlich zu dem Schluss, dass es die Organisation der Gesellschaft bleibt, die über Befreiung oder nicht entscheidet. Im englischen Titel kommt diese Stoßrichtung ihres Arguments deutlicher zum Ausdruck. Er heißt »Towards a cybernetic communism«. Deutsche Fassung: Mittelweg 36, 23. Jg., 2014, Heft 3, Seite 30-53. Englische Fassung online: ttps://libcom.org/library/toward-cybernetic-communism-technology-anti-family-nina-power.

xlii Vgl. die kurze Skizze von Catherine Waldby und Melinda Cooper in ihrem Aufsatz »Biopolitik der Reproduktion. Postfordistische Biotechnologien und die klinische Arbeit von Frauen.« In: Kitchen Politics (Hrsg.) Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit. Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert, Berlin 2016.

xliii Cornelia Koppetsch und Sarah Speck haben diese Tendenz anhand von Paaren untersucht, in denen beide erwerbstätig sind und für ihr Beziehungskonzept explizit Gleichheit als hohen Wert ansehen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es gerade die explizite Annahme von Gleichheit ist, die die Umverteilung nicht befördert, sondern verhindert und Neueinschreibungen von Geschlechtszuschreibungen mit sich bringt. Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist. Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten, Berlin 2015.

xliv Bezeichnenderweise finden wir eine ganz ähnliche Tendenz der Rückkehr zur Erzählung im Kerngeschäft des neoliberalen Kapitalismus wieder: im Marketing und Management. Während Imagefilme und Brand-Marketing versuchen, statt den Waren Lebensgefühle (und damit Waren) zu verkaufen, setzt sich im Management-Bereich das Storytelling Management da durch, wo Zahlen und Daten nicht ausreichend Sinnzusammenhang herstellen. Vergleiche dazu die Darstellung in Philipp Schönthaler: Portrait des Managers als junger Autor. Eine Handreichung, Berlin 2016.

xlv Die von Donna Haraway 1985 in einem Aufsatz für das Socialist Review eingeführte Figur des Cyborgs hat Debatten insbesondere in queerfeministischen Zusammenhängen nachhaltig geprägt. Sie geht davon aus, dass es sich bei den in der bürgerlichen Gesellschaft/Wissenschaft geschiedenen Sphären Biologie, Kultur und Technologie grundsätzlich um hybride Formation handelt. Der Cyborg bejaht diese Hybridität und wendet sich gegen die der Technologie als Herrschaftsweise entstammenden Quellen seiner Komponenten. Er setzt sich international aber vor allem in den 1990er Jahren mit dem Zusammenbruch der Systemalternative und dem behaupteten ›Abschied vom Proletariat‹ durch, so dass die vorgeschlagene Hybridisierung vor allem zur individuellen Strategie wurde und kaum in Verbindung zu einem Projekt der Neuorganisation der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion stand.

xlvi So setzt der 2009 veröffentlichte Grundlagentext des ...ums Ganze Bündnisses in seiner Beschreibung der Gegenwart ein. Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit. Zur Kritik des kapitalistischen Normalvollzugs entwickelt seine Kritik an Staat auf der Grundlage der Bestimmung von Staatlichkeit in der Weltmarktkonkurrenz des Kapitalismus. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf diese Bestimmungen, suchen sie aber in Bezug auf die technologische Entwicklung zu konkretisieren. Dabei berücksichtigen sie auch Erfahrungen, die in den letzten sieben Jahren »zurück in die Politik« vom ...ums Ganze-Bündnisses gemacht wurden.

xlvii Der amerikanische Techniksoziologe Benjamin H. Bratton entwickelt zur Beschreibung dieser neuen Ordnung das konzeptuelle Instrument des »Black Stack«, also eines schwarzen Stapels. Er entlehnt diesen Begriff der Netzwerkarchitektur, in der Komponenten gestapelt und zusammengesteckt werden, so dass sich verschiedene, aber sich überschneidende Ebenen mit jeweils eigenen Logiken entstehen. Benjamin H. Bratton: The Stack. On Software and Souvereignty, Cambridge, Massachusetts 2016. Eine kurze, im Bezug auf Politik konturierte Einführung in das Konzept des Stacks liefert der Artikel »The Black Stack« Online: http://www.e-flux.com/journal/the-black-stack/.

xlviii Siehe etwa zur gegenwärtigen Herausbildung eines »Krisenimperialismus« den Artikel »Tod und Zerstörung« des Journalisten Tomasz Konicz, der sich theoretisch an den Analysen des Wertkritikers Robert Kurz orientiert und versucht, diese für das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends fruchtbar zu machen. In: Junge Welt, 17.09.2016.

xlix Vergleiche etwa zum politischen Islam die Broschüre der Gruppe Kritik und Praxis: Islamismus. Kulturphänomen oder Krisenlösung? Berlin 2004.

l Der Soziologe Jason W. Moore entwickelt die These eines ökologischen Surplus in seinem Buch Capitalism in the Web of Life. Ecology and the Accumulation of Capital, London 2015. Er betont darin die Abhängigkeit des Kapitalismus nicht nur von der Natur, sondern von der Herstellung von Natur zum Zwecke der Kapitalakkumulation.

li Diese These vertritt derzeit prominent der englische Politikwissenschaftler Seb Franklin. Er argumentiert, dass sich im 20. Jahrhunderts die Prinzipien des Kapitalismus, insbesondere die Zentralität der Abstraktion, wie es Karl Marx analysiert hat, in einer Reinform realisieren, die dem Kapitalismus des 19. Jahrhunderts vollkommen fremd geblieben war. Seb Franklin: Control. Digitality as Cultural Logic, Cambridge, Massachusetts, London, 2015. So beschreibt Seb Franklin die Erfindung und Entstehung des Internets als Folge einer kulturellen Logik der Digitalisierung, die deshalb als Emblem für ein Regime der ›Kontrolle‹ stehen können. Das Konzept eines Regimes der Kontrolle entwickelt er dabei aus verstreuten Arbeiten des französischen Philosophen Gilles Deleuze, der den Übergang von der von Michel Foucault analysierten Disziplinargesellschaft (mit ihren Institutionen: der Fabrik, der Schule, des Gefängnisses) zu einer Gesellschaft der Kontrolle konstatiert. Viele der von Deleuze angesprochenen Aspekte decken sich dabei mit Versuchen, die gegenwärtige kapitalistische Transformation als Neoliberalisierung zu beschreiben: Privatisierung, Individualisierung, Konkurrenz, lebenslanges Lernen. Franklin betont aber, dass Deleuze nicht auf der Ebene der Phänomene verbleibt, sondern auf deren epistemische Grundlage verweist, die Franklin dann historisiert. Er stützt sich dafür auf Arbeiten des Marxisten Ernest Mandel, der die Entwicklung der 1960er und 1970er Jahre unter dem Stichwort »Spätkapitalismus« untersucht hat. Instruktiv, aber sehr dicht und teilweise dunkel ist in diesem Zusammenhang Gilles Deleuzes kurzer Text Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, Unterhandlungen, 1972–1990, Frankfurt am Main 1993. Online: http://www.conne-island.de/nf/76/29.html.

lii Karl Marx spricht hier von der realen Subsumtion. Diese ist der theoretische Ausgangspunkt für die Theoretiker_innen des italienischen Postoperaismus und ihre Bestimmung des Konzepts der immateriellen Arbeit.

liii Zum Internet der Dinge siehe auch Abschnitt 1.5 so wie 2.3.

liv Vgl. dazu auch Tim Di Muzios Studie Carbon Capitalism. Energy, Social Reproduction and World Order, London 2015.

lv Der Begriff wurde im Jahr 2000 vom niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene F. Stoermer ins Spiel gebracht. Die beiden Wissenschaftler wollen damit ausdrücken, dass die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden sei. Seitdem hat er Eingang in zahlreiche intellektuelle Debatten um die derzeitige Entwicklung der Welt gefunden. Für Kritik an diesem Begriff siehe Moore, Jason (Hrsg.): Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism, Oakland/Kalifornien 2016.

lvi Wie es Jason W. Moore nahelegt.

lvii Siehe dazu auch die Kritik des Kollektivs Out of the Woods an Jason W. Moores Entwurf, »Human Nature« In: The New Inquiry, 27.01.2016. Online: http://thenewinquiry.com/essays/human-nature/.

lviii Zuletzt hatte prominent das Unsichtbare Komitee in ihrer Streitschrift Der kommende Aufstand, Hamburg 2010, so eine Position vertreten.

lix Wir haben diesen Punkt ausführlicher in Bezug auf den Algorithmus erläutert. Siehe Abschnitt 1.2.

lx Dem Akzelerationismus liegt genau dieser Grundgedanke zugrunde, dass der Kapitalismus nur dann an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde geht, wenn man ihn beschleunigt. Er will gewissermaßen den Kapitalismus auf eine Geschwindigkeit bringen, die ihn an die Wand fährt. In jüngster Zeit wurde dieser Gedanke erneut – insbesondere in England von den Politikwissenschaftlern Alex Williams und Nick Srnicek – aufgegriffen und viel diskutiert, aber gewissermaßen in leninistischer Weise modifiziert, als dass es nun primär um die Aneignung und Entwicklung der Technik zu emanzipatorischen Zwecken geht. Interessant für uns am Akzelerationismus ist, dass er entgegen jeder Kulturkritik und romantischer Anrufung einer authentischen Vergangenheit wie auch den Selbstghettoisierungstendenzen einer subkulturellen Linken den beschleunigenden Charakter des Kapitalismus affirmiert. Dazu gehört, die Möglichkeiten, welche die technischen Entwicklungen bieten, voll auszunutzen. Eine ausführliche Darstellung der Grundgedanken, ihrer Vorläufer sowie der sich daran anschließende Diskussion finden sich in zwei von dem Literaturwissenschaftler Armen Avanessian herausgegebenen Bänden im Merve-Verlag: #Akzeleration, Berlin 2013 und #Akzeleration#2, Berlin 2014. Inwiefern der Akzelerationismus in seinem Überholmanöver selbst den Reproduktionsbedingungen und Logiken des Kapitalismus verhaftet bleibt und damit gerade nicht in der Lage ist, sie zu brechen oder zu überwinden, diskutieren unter anderem Benjamin Noys: Malign Velocities. Winchester 2013 und Nina Power: »Decapitalism, Left Scarcity, and the State« Online: http://fillip.ca/content/decapitalism-left-scarcity-and-the-state.

lxi Bertolt Brecht: »Lob des Kommunismus. « In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke Bd. 9: Gedichte 2, S. 463 f.