Ist eine linksradikale Anti-G8-Mobilisierung möglich?

Die Berliner Phase 2-Redaktion fragte beim »... ums Ganze!«-Bündnis nach. Jan (T.O.P.-B3rlin), Alexandra (redical M, Göttingen) und Mandy (autonome antifa [f], Frankfurt/M.) standen Rede und Antwort.

Phase 2 Berlin: Während Antifas und Antideutsche in den 1990ern noch unter dem Motto "Nie wieder Deutschland" gegen die postfaschistische Gesellschaft als solche demonstrierten, nehmen inzwischen an den Vorbereitungen zum G8-Gipfel sehr viele Antifas teil. Sucht die Antifa nach neuen Betätigungsfeldern, seit unter Schröder Antifaschismus zur staatstragenden Ideologie geworden ist und demonstriert ihr deshalb jetzt zusammen mit dem postfaschistischen  mainstream  gegen den Kapitalismus? Ist dieser inhaltliche Schwenk auch eine Reaktion auf den Stillstand in der Antifaszene oder entspringt er der politischen Notwendigkeit der Zeit?

Jan: Mit dem Anschluss der DDR und den rassistischen Pogromen befürchteten Teile der Linken ein "4. Reich" und sahen in Großdeutschland einen Wiedergänger des Nationalsozialismus entstehen. Hauptfokus der Antifa in den 90er Jahren  war aber  weniger die >postfaschistische Gesellschaft als  solche<, sondern vielmehr das neonazistische Spektrum - was sich in Aktionen gegen Schulungszentren, Parteitage, rechtsextreme Zeitungen ader Naziaufmärsche zeigte. Hinzu kam der direkte Abwehrkampf gegen Nazibanden. Auch bei der AA/BO drehte es sich meistens um konkrete Rechtsextremisten, obwohl es der eigene Anspruch war, an die "Wurzeln" - also die gesellschaftlichen Grundlagen - zu gehen.
Gleichzeitig demonstrierten in den 90ern aber auch Antiimperialisten und Antideutsche Seite an Seite etwa anlässlich der deutschen Beteiligung am Jugoslamenkrieg wie z.B. das Gegeninformationsbüro mit der Bahamas. Was die organisierte Antifa betrifft, lief die Auseinandersetzung zur Staats- und Nationskritik oder zum Antisemitismus in der Linken quer durch die Gruppen. Als AAB empfanden wir den reinen Antinazikampf zudem als politische Sackgasse: Er bestimmte das Grundverständnis und ist immer noch notwendiger Bestandteil kommunistischer Politik. Als Hebel der Kapitalismuskritik taugte der Dorfnazi aber nur bedingt. Noch mit der AA/BO riefen wir deshalb auch zu den Gipfelprotesten in Straßburg auf, später folgte Köln. Und schließlich Göteborg und Genua - wenn auch in anderen Zusammenhängen.

Alexandra: Eine gebührende Antwort auf Eure Frage müsste eine Analyse der letzten 15 Jahre Antifa-Politik enthalten. Das ist zwar ein spannendes und noch nicht endgültig beantwortetes Thema, aber hier ist dafür nicht der richtige Platz. Vielleicht nur soviel: Die großen "Nie wieder Deutschland!"-Mobilisierungen Anfang der 90er Jahre wurden in erster Linie von Autonomen getragen, unter denen sich sicherlich auch ein paar autonome Antifas befanden, die Antideutschen haben da noch ein paar Jährchen gebraucht, bevor ihre Vorstellungen in der radikalen Linken überhaupt wahrgenommen wurden. Allerdings haben in den gesamten 90ern und auch im neuen Jahrtausend relevante Teile der Antifa-Bewegung ihre Politik immer auch ausdrücklich gegen den Kapitalismus und seine gesellschaftlichen Ausdrücke als solches gerichtet. Auch Bündnisse mit reformistischen Gruppen hat es je nach Anlass und regionaler Situationen die gesamte Zeit über gegeben.
Die rotgrüne Anti-Nazi-Offensive 2001 hat vor allem den Gruppen Probleme bereitet, die ihre Politik ausschließlich oder im Wesentlichen auf den Anti-Nazi-Kampf reduziert hatten. Andere haben schon 1999 gegen den G8-/EU-Gipfel in Köln demonstriert. Auch wenn die diesjährige Heiligendamm-Mobilisierung ein deutliches größeres und weitreichenderes Ausmaß angenommen hat, so etwas wirklich neues ist das für Antifa-Gruppen an sich also nicht.
Was an unserer Mobilisierung jetzt anders und vielleicht auch neu ist, ist sicherlich auch eine Reaktion auf den Zustand der deutschen Linken, zu der nun auch die Antifa-Bewegung gehört. Ohne die jeweiligen Notwendigkeiten und eventuellen Erfolge schlecht reden zu wollen: Die jahrelangen Versuche mittels Teilbereichs- und Stellvertreterkämpfen den Kampf ums Ganze zu entfesseln, müssen im Großen und Ganzen als gescheitert angesehen werden, so auch bei der Antifa-Bewegung. Wir wollen jetzt - zunächst einmal beim G8-Gipfel - versuchen den direkten Weg einzuschlagen und in die Mobilisierung der radikalen Linken offenen Antikapitalismus hineintragen. Inwieweit dieses Konzept erfolgreich sein kann, werden wir dann im Sommer analysieren können.
Wirklich der politischen Notwendigkeit der Zeit geschuldet, ist aber unseres Erachtens ein nicht unbedeutender Punkt in unserer Mobilisierung: Die deutsche Linke tritt mittlerweile in ihren alten und uralten Anti-Imp vs. Anti-D-Schemata dermaßen auf der Stelle, dass es, um die Zeit wieder aufzugreifen, nicht mehr fünf vor zwölf sondern längst halb eins ist. Aus diesen Grabenkämpfen wollen wir raus. Völlig gleich welche der einzelnen Positionen nun tragbar und unterstützenswert sind oder einfach nur in die Tonne gehören, diese Trennlinie verunmöglicht die theoretische, praktische und strategische Weiterentwicklung der radikalen Linken in Deutschland schon viel zu lange.

Mandy: Die Abschaffung des Kapitalismus entspringt seit mehr als hundert Jahren der "Notwendigkeit der Zeit". Von daher hat sich mit dem jetzigen Versuch eine antikapitalistische Praxis zu entwickeln nichts grundsätzliches verändert. Geändert hat sich, dass wir versuchen den Umweg, den der sogenannte revolutionäre Antifaschismus immer gemacht hat - also über den Umweg des potentiellen Faschismus bei einer adäquaten Kapitalismuskritik zu landen - weglassen und uns der Sache selbst widmen. Wobei als notwendige Vorfeldarbeit Aktionen gegen Nazis und andere Rechte natürlich nach wie vor eine Rolle spielen.
Eure Charakterisierung der globalisierungskritischen Bewegung als postfaschistisch finden wir nicht sinnvoll. Einmal weil der Begriff des Postfaschismus selbst ein absolutes Nullwort ist und nichts aussagt, außer dass die NoGlobals damit raunend in die faschistische Ecke gestellt werden. Zum anderėn weil die reaktionären und/oder reformistischen Positionen in dieser Bewegung einfach in eins geschmissen werden. Wir setzen dagegen auf Analyse statt auf Assoziationen.
Dass sich reaktionäre Positionen, also z.B. antisemitische Stereotype, aus der Gesellschaft auch anhand der Gipfelevents äußern ist uns Grund diese zu problematisieren und dagegen vorzugehen. Wir glauben, dass sich auch Ideologikritik einmischen muss.

Phase 2 Berlin: Der Berliner Phase 2-Redaktion erscheint die NoGlobal-Bewegung, die die Proteste gegen den G8-Gipfel trägt, als organisierter, mehr oder weniger militanter Sozialdemokratismus. Neben verbalrevolutionären Phrasen dominieren vornehmlich Positionen, die sich gegen Sozialabbau und für einen staatlich gezähmten Kapitalismus aussprechen. Ihr hingegen ruft zum "unversöhnlichen Akt der Negation" auf und richtet das nicht gegen die in Heiligendamm versammelten Staatsoberhäupter, sondern die kapitalistische Verfasstheit der Weltgesellschaft. Ist eine kritische Position wie die eure nicht dazu verdammt, im pluralistischen Sozialdemokratismus der Globaljsierungskritik unterzugehen und wie wollt ihr dem entgegentreten?

Jan: Natürlich ist es nicht revolutionär, wenn Erwerbsloseninitiativen gegen die Verschlechterung ihrer Lebenssituation durch Hartz IV demonstrieren. Oder die Organisationen von Lohnabhängigen einen gesetzlichen Mindestlohn und dergleichen fordern. All dies bleibt dem Kapitalverhältnis immanent. Aber was heißt das schon? Es grenzt an "politischen Indifferentismus" mit Marx gesprochen, wenn Kämpfe um konkrete Verbesserungen der Lebenssituation und zur Sicherung des Überlebens verurteilt werden, weil sie nicht gleich den ganzen Kapitalismus abschaffen. Ebenso gilt: Die beste Theorie ist sinnlos, wenn sie nicht Gehör findet.
Die Gipfelproteste sind von allerlei Unappetitlichem begleitet - das ist richtig. Wäre ein Großteil der Menschen bereits überzeugte WertkritikerInnen oder der Kapitalismus so einfach zu durchschauen, würden wir hier heute nicht so diskutieren. Die eigene Marginalität in moralische Erhabenheit zu verwandeln, hilft kein Stück weiter wenn man es mit der Kritik an Kapital und Nation ernst meint. Kritik ist kein Selbstzweck: Sie zielt auf die Veränderung des schlechten Bestehenden. Im Ubrigen geht marxistische Kapitalismuskritik faktisch tagtäglich im Mainstream unter. Daraus zu folgern, man könnte es gleich sein lassen, hieße die Idee der Aufklärung selber zu verraten. Strategisch ist für uns aber mit Sicherheit die Vorfeld-Mobilisierung interessanter, als das eigentliche Eventspektakel.

Alexandra: In  der  NoGlobal-Bewegung finden sich sicherlich massenhaft sozialdemokratische und auch noch gruseligere Ansätze, da habt Ihr völlig recht. Auch die radikale Linke und ihre potentiellen militanten Ausdrücke könnten leicht als militante Speerspitze davon verstanden werden. Den bürgerlichen Medien deutlich zu machen, dass Ursache und Ziel der Militanz vielleicht etwas anderes ist als bei attac und Co., dürfte schmerig werden, das schaffen eher die großen reformistischen Organisationen über Abgrenzungstiraden. Aber wir gehen auch nicht davon aus, dass eine Reportage von Spiegel TV oder ein FR-Artikel irgendjemanden von der Notwendigkeit überzeugen könnten, den Kapitalismus abzuschaffen.
Wir wollen eher so etwas versuchen, wie "in die Bewegung zu wirken". Da haben sich auf jeden Fall viele Menschen gesammelt, die schon etwas nachgedacht haben. Wir beziehen uns da nicht auf den Bundesvorstand irgendeiner Gewerkschaft, sondern auf diesen wahnsinnig großen Haufen Leute, die nach Heiligendamm fahren, weil hier was verkehrt läuft. Denen können wir unsere kommunistische Position sicherlich näher bringen, wie viele Menschen wir davon überzeugen können, ist die nächste Frage, die auch wir erst danach beantworten können.
Auch innerhalb der radikalen Linken machen wir ein Angebot, dass es von niemandem anders gibt: straigt communism - aber nicht orthodox. Allein schon die bisherige Diskussion und das Interesse, das an unseren Ansatz herangetragen wird, gibt uns insofern Recht, dass wir in der radikalen Linken offene Türen einzurennen scheinen.
Gerade den G8-Gipfel halten wir für ein geeignetes Agitationsfeld, ob nun medien- oder linksöffentlich, um alle möglichen Leute mit radikaler Kritik und Ideen konfrontieren zu können.

Mandy: Innerhalb des Kapitalismus widerspricht so ziemlich alles einer progressiven, antikapitalistischen Position - und nicht nur innerhalb dieser oder jener sozialen Bewegung. Wir raten also auch hier genauer hinzuschauen. Der "Mainstream" (wenn man so will) der Globalisierungsbewegung ist ein unbestimmter humanistischer, bzw. sozialdemokratischer Drang nach Verbesserung. Man hat es hier also in der Regel mit Leuten zu tun, die Politik machen wollen - und das mit einem eher progressiven Anspruch - (im Gegensatz zu Nazis oder Islamisten übrigens).
Als solche sind sie hin und wieder empfänglicher für grundsätzliche Uberlegungen - oft auch nicht. Wir können aber noch nichts besonders skandalöses daran finden, dass Menschen für eine globale Gesundheitsversorgung oder gegen Studiengebühren sind. Dieses Politik-machen halten mr mitunter sogar für notwendig. Dass das mit der Überwindung des Kapitalismus erstmal gar nichts zu tun hat ist klar. Leuten die den Kapitalismus gar nicht kritisieren wollen aber vorzuwerfen, dass sie es nicht tun ist unlogisch. Wir setzen dagegen darauf, eine tatsächlich antikapitalistische (und damit letztlich antipolitische) Position stark zu machen (siehe unseren diesjährigen Opernballaufruf).
Events können perspektivisch auch besser besetzt werden. Dafür sind die Ausgangsbedingungen momentan nicht die besten, weshalb wir denken, dass es weniger darum gehen kann inhaltlich zu dominieren, sondern es vielmehr darum geht überhaupt mit Veranstaltungen, Aktionen, Organisierung etc. wahrnehmbar zu sein, damit sich was zum besseren ändert. Es gilt kleine Brötchen zu backen.
Und bei den Aktionen zum Gipfel selbst werden wir natürlich dadurch wahrnehmbar sein, dass wir vorort die "Coolsten" sind.

Phase 2 Berlin: Die NoGlobaI-Bewegung stellt die soziale Frage und speist sich damit aus der Wut über die individuell erfahrene Verelendung. Die TheoretikerInnen dieser Bewegung kommen dabei scheinbar automatisch immer wieder auf einen mehr oder weniger reaktionären Antikapitalismus, der die Finanzmärkte, neoliberale Ideologen und den US-Imperialismus als Hauptfeind anvisiert. Uns scheint dieser Antikapitalismus das fetischistische Bewusstsein der kapitalistischen Krise zu sein, das sich bei den Massen quasi automatisch einstellt, dass aber eben nicht auf eine kommunistische Abschaffung des gesellschalitlichen Elends drängt, sondern auf mehr oder weniger nationalsozialistische und staatsdirigistische Krisenlösungen. Können antideutsche KommunistInnen heute in Deutschland die soziale frage stellen, ohne dabei dem reaktionären Ressentiment der Volksgemeinschaft unfreiwillig in die Hände zu spielen?

Jan: Ich weiß nicht, ob ich dem ersten Teil eurer Frage so pauschal zustimmen kann. Zum Einen gibt es "die" NoGlobal-Bewegung in der Form nicht. Zum Anderen muss man zur Kenntnis nehmen, dass zumindest in Deutschland auch ein Lernprozess oder zumindest sich ein höheres Problembewusstsein - z.B. in Teilen von Attac - mittlerweile zeigt. Was nicht heißen soll, dass sich dadurch die Notwendigkeit einer adäquaten Kapitalismuskritik bereits erledigt hätte. Wohin der Kapitalismus sich entwickelt, kann man so pauschal gar nicht prognostizieren. Gerade weil es keinen Automatismus in der geschichtlichen Entwicklung gibt, der den Kapitalismus aus sich selbst heraus zu einem guten Ende bringt, müssen kluge KommunistInnen heute praktische Kritik und kritische Praxis zusammenbringen und in gesellschaftliche Prozesse intervenieren.
Der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie in der kapitalistischen Krise vermittelte Herrschaft in unmittelbare Gewalt umschlagen kann. Noch auf der Flucht vor den Nazis schuf Walter Benjamin, die Metapher von der Revolution als Griff der Menschheit zur Notbremse, die in einem Zug in den Abgrund rauscht. Ohne heute in Fatalismus noch in Optimismus zu verfallen, gilt es an der revolutionären Aufhebung des Kapitalismus in diesem Sinne festzuhalten. Eine Aufforderung zum Nichtstun ist sie nicht.

Alexandra: Die Feststellung der "NoGlobal-Bewegung", dass nicht alle Menschen an dem gesellschaftlichen Reichtum partizipieren können, halten wir per se nicht für reaktionär. Dass Kapitalismus gleichbedeutend mit sozialer Ungleichheit ist, ist mehr als deutlich, wenn man sich die Unterschiede beim Lebensstandard z.B. zwischen Europa und Afrika ansieht. Die Hauptproblematik dieser NoGlobal-Bewegung ist, wie ihr es genannt habt, das fetischistische Bewusstsein, dass der Kapitalismus abgewickelt werden könne, wenn von oben nach unten umverteilt würde, ohne die Warenform abzuschaffen. Aber was wäre nach der Umverteilung gewonnen? Außer, dass der durchschnittliche Lebensstandard steigt, wäre es nach wie vor die kapitalistische Verkehrsform, die vorherrscht. Derartige Vorstellungen sollten einer radikalen Linken ein absoluter Graus sein. Forderungen, die in irgendeiner Form an ein nationales oder religiöses Kollektiv anknüpfen und damit nicht zuletzt den Bestand des Kapitalismus reproduzieren, ist eine klare Absage zu erteilen.
Nun darf jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass alle innerhalb der NoGlobal-Bewegung kritikresistent und grundsätzlich sozial-nationalistisch bzw. wie ihr es nennt "nationalsozialistisch" agieren. Der Begriff, so wie ihr ihn hier verwendet, stellt die gesamte Bewegung in einen Kontext zum Nationalsozialismus, den wir so nicht sehen, geradezu für relativierend halten. Selbstverständlich gibt es in dieser Bewegung sehr gruselige Vorstellungen und Analysen zum Weltganzen, jedoch sollten KommunistInnen immer auch von der Möglichkeit einer emanzipatorischen Veränderung des Individuums ausgehen. Denn die Wenigsten kommen als KommunistInnen auf die Welt. Der Kampf gegen den Kapitalismus und seine reaktionären Krisenlösungen verlangt gerade danach, dass sich radikale Linke mit der sozialen Frage beschäftigen und intervenieren. Intervenieren aber nicht im Sinne von "der Volksmob marschiert", wie z.B. häufiger bei Hartz IV-Protesten und sich angewidert abwendet, um festzustellen, dass die eigene Analyse im Flugblatt stimmt, sondern versucht diesen Protesten den eigenen Stempel aufzudrücken, nämlich straight kommunistische antinationale Kritik und Praxis zu verfolgen. Hier hat die radikale Linke richtig versagt. Wer, wenn nicht Linksradikale haben das know-how, um die Zusammenhänge von Kapitalismus, (Standort-)Nation(-alismus), Antisemitismus, Rassismus usw. zu analysieren und eine geeignete Praxis zu entwickeln! Wir, das "...ums Ganze!"-Bündnis wagen den Spagat. Ob das Konzept aufgeht, wird sich zeigen.
Ach ja, was antideutsche KommunistInnen dazu sagen, können wir euch nicht sagen, da müsst ihr sie schon selber fragen.

Mandy: Wir kännen auch hier eure Einschätzung nicht teilen. Da wir nach eingehender Betrachtung der Szenerie eher weniger als mehr zu der Einschätzung kommen, es bei der NoGlobal-Bewegung in der Mehrheit mit Nationalsozialsten zu tun zu haben, sind wir wahrscheinlich auch nur mehr oder weniger Antideutsche.
Wir sind allerdings eher mehr als weniger der Meinung, das differenziertere Analysen der radikalen Linken nur nutzen können. Insofern entziehen wir uns den unterschiedlichen identitären Ansätzen, die zugunsten ideologischer Zuspitzungen die gesellschaftliche Realität aus den Augen verlieren.
Nicht alles was nicht im kommunistischen Sinne emanzipatorisch ist, ist "quasi-automatisch" reaktionär. Was die Frage nach der sozialen Frage angeht sind wir der Meinung, dass auch reformistische Distributionskämpfe geführt werden müssen. Auch radikale Kritik braucht Anknüpfungspunkte in gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen. Allerdings mit dem Wissen um ihre Beschränktheit und jenseits von idealisierendem Revolutionskitsch.                        .
Adorno hat das mal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: "Es wäre eine schlechte und eine idealistische Abstraktheit, wenn man um der Struktur des Ganzen willen die Möglichkeit von Verbesserungen im Rahmen der bestehenden Verhältnisse bagatellisieren oder gar negativ akzentuieren würde. (...) Ich würde sagen, daß gerade die gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen so sehr den Charakter des verbauten haben, daß unter Umständen die armseligsten Eingriffe in die bestehende Realität eine viel größere, nämlich auch, ich möchte fast sagen, symbolische Bedeutung haben als ihnen an sich zuhommt". (Adorno, Einleitung in die Soziologie, 4. Vorlesung)
Überdies gilt gerade in Deutschland, dass reaktionäre Ideologien nicht als nur "falsches Bemsstsein", sondern als zentraler Teil des Problems, sozusagen in ihrer eigenen Materialität ernst genommen werden müssen. Die "soziale Frage" kann sich hier nur aus einer fortschrittlichen Perspektive, d.h. in konkreten Auseinandersetzungen mit Volksgemeinschaftsideologien, stellen.

Phase 2 Berlin: Es ist relativ offensichtlich, dass antiamerikanische und antisemitische Ressentiments einen wesentlichen Teil des ideologischen Kitts der NoGlobal-Bewegung ausmachen. Der Antikapitalismus dieser Linken ist größtenteils reaktionär und entsprechend anschlussfähig für IslamistInnen und Nazis. Ihr schreibt selbst, dass "Protest" nicht notwendig emanzipatorisch und Dabeisein nicht alles sei. Dennoch zieht ihr euch nicht auf die Position des radikalen Kritikers zurück, sondern versucht, auf den G8-Protesten kritisch zu intervenieren. Was versprecht ihr euch überhaupt davon und meint ihr, dass es in der gegenwärtigen weltpolitischen Lage, der Islamismus als stärkste antikapitalistische Bewegung ist weiter auf dem Vormarsch, für KommunistInnen möglich und/oder nötig ist, wieder offensiv zu werden, statt vornehmlich Abwehrkämpfe gegen die antisemitische Internationale zu führen.

Jan: Mir ist das alles zu platt - wenn zwischen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus kein Unterschied mehr gemacht wird. Aber ich will mich auch nicht wiederholen: Man braucht nicht darüber weinen, wie dumm, schlecht und reaktionär die Anderen sind, wenn man selber davor Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen. Idealogiekritik ohne Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die diese Denkformen hervorbringen, beißt sich
selber in den Schwanz.

Alexandra: Ja, nee. Es ist keine neue Erkenntnis, dass es innerhalb der NoGlobal-Bewegung Positionen und Strömungen gibt, welche antiemanzipatorisch und reaktionär sind. Wir halten es für falsch sich deshalb von diesem Event als solchen zu distanzieren und quasi mit unserer Kritik außenstehend zu verharren. Zuerst einmal bleibt festzuhalten, dass die Position des/der (links)radikalen KritikerIn ohne Praxis und Nutzung des öffentlichen Interesses am G8 im Regelfall eine relativ isolierte ist und somit innerhalb des Spektrums, welches in Heiligendamm inklusive medialer Weltöffentlichkeit zu erwarten ist, auch kein Gehör und somit keinen Einfluss finden wird.
Unserer Ansicht nach bietet sich um den G8 die ideale Bühne, um unsere Standpunkt zu vermitteln und kritisch in die Bewegung zu wirken. Es ist falsch, aufgrund von schwierigen, verkürzten und klar reaktionären Positionen von Teilen der nach Heiligendamm mobibilisierenden, die eigene Position auf den außenstehenden Zeige-/Mittelfinger zu reduzieren und den eigenen Wirkungsbereich aufzugeben. Es besteht immer die Gefahr, dass unser Anspruch und Wirken innerhalb des Spektakels untergeht, wenn wir es nicht schaffen sollten, antisemitischen und antiamerikanischen Stereotypen die Stirn zu bieten und dem mit überregionaler Vernetzung, Vorfeldaktionen, Veranstaltungen - aber vor allem mit einer deutlichen Position und Geschlossenheit entgegenzuwirken. Wir forcieren die Zuspitzung gesellschaftlicher Widersprüche, suchen keinen Anschluss an den reformistisch sozialdemokratischen Protest und versprechen uns von unserer Mobilisierung einen aussagekräftigen linksradikalen Block und eine Debatte, welche zur Organisierung und Stärkung der radikalen Linken beiträgt.
Wir sehen keinen Widerspruch darin Abwehrkämpfe gegen Antisemitismus, Islamismus und Faschismus zu unterstützen/zu führen und gerade offensiv eine eigenständige linksradikale, antinationale, antikapitalistische Position innerhalb des G8-Protestes zu manifestieren. Eine radikale Linke, die es nicht schafft offensiv auf gesellschaftspolitische Entwiklungen zu reagieren und in Abwehrkämpfen verharrt, ist keine radikale Linke.

Mandy: Der Antikapitalismus der Linken ist nicht größtenteils reaktionär, sondern in der Mehrzahl einfach kein Antikapitalismus (s.o. Fragekomplex 1.).
Gegen reaktionäre Ideologien wie den Islamismus und - was nicht dasselbe ist - reformistische Konzepte ist es sicherlich nicht nur möglich, sondern vielmehr notwendig in die Offensive zu gehen. Der negativen Utopie der Rechten gilt es eine positive entgegen zu stellen, die sich nicht darin erschöpft passiv von der US-Armee oder anderen die Befreiung zu erwarten. Wir wenden uns gegen die Einrichtung in der wohligen Welt des Dualismus,
weil dafür immer ein Feind gefunden werden muss, der gerade der Allerschlimmste ist und alle anderen Widersprüche kassiert. Wir wollen Reflektion und Aktion an Stelle von kopfloser Hysterie.

Phase 2 Berlin: Politische Militanz mit halbwegs emanzipatorischem Gehalt gibt es in Deutschland seit dem Verschwinden der Autonomen kaum noch. Die Sicherheitsapparate haben diese durchweg im Griff. Die Events der NoGlobal-Bewegung hingegen zeichnen sich durch politische Militanz aus und scheinen ein Ventil für Frust und Wut der europäischen Linken zu sein. Macht diese Militanz, das momentane Ankratzen der individuellen Ohnmacht gegenüber den
gesellschatlichen Verhältnissen, die G8-Proteste auch für euch so sexy, dass ihr mittun wollt? Sitzt ihr damit nicht dem >Spektakel des militanten Sozialdemokratismus< auf, für den sich das hohe individuelle Risiko, z.B. im Knast zu landen, nicht lohnt? Oder haltet ihr die gesellschaJtliche Sichtbarkeit von politischer Militanz für so wichtig für radikale Kritik, dass ihr auch deswegen zu den G8-Protesten aufruft, frei nach dem Motto, wer noch nie einen Bullenknüppel abbekommen hat, kann es auch mit der Revolution nicht ernst meinen?

Alexandra: Gerade weil es so scheint, als wäre das Gewaltmonopol des Staates unanfechtbar, ist es umso wichtiger die radikale Kritik und die radikalen Inhalte nicht hinter diesem zu verstecken bzw. verstecken zu lassen. Nicht wir sind dafür verantwortlich, dass es zu riots kommt - nein, die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen an manchen Punkten einfach nichts anderes zu bzw. lassen nur einen "illegalen" Spielraum. Der O-Ton, es würde sich dabei um "Gewaltgeilheit" handeln, ist schlichtweg eine einfache Unterstellung des Apparates.
Was "Sozialdemokratismus" mit einem unversöhnsichlichen riot gemein hat, ist uns erstmal unklar - die Forderungen mancher "NoGlobs" mögen vielleicht radikal sozialdemokratisch sein, aber die Protestform ist es sicherlich nicht, obwohl es an manchen Stellen von PolitikerInnen jeder Coleur dementsprechend, d.h. zur Demokratieverteidigung/-veränderung, genutzt werden kann. Außerdem ist politische Militanz auch manchmal ein obligatorischer Ausbruch aus den herrschenden Denkverhältnissen. Wie diese Denkverhältnisse dann verändert werden, sollte dann Inhalt der radikalen Kritik und der radikalen Inhalte sein.
Individuelles Risiko schwingt dabei natürlich auch immer mit, aber das ist doch auch völlig klar, wenn man sich zur Aufgabe gemacht hat, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwerfen. Repression ist Alltag und zum G8-Gipfel mal kurzzeitig konzentriert. Ansich besteht im politischem Kampf, egal ob Abwehr (z.B. Verhinderung von Naziaufmärschen) oder Angriff (eigenständige Demos, Vermittlung von Inhalten) immer die Gefahr im Knast zu landen oder einen Bullenknüppel zwischen die Rippen zu bekommen. Wäre es beim politischen Kampf anders, wäre dieser wohl kaum noch nötig.
Mit der Revolution ernst meinen? Gerne, doch hier und jetzt gilt es erstmal eine Perspektive zu entwickeln, welche die Möglichkeiten zur Revolution eröffnet. Deshalb auch unser Bündnis.

Mandy: Linke Militanz, auch als rabiatere Sozialdemokratie oder "begrenzte Regelverletzungen", hat in Deutschland schon an sich den Vorteil, dass sie den autoritären Untertanengeist der Leute aufweicht. Das hat mit der Revolution noch nichts zu, ist aber schon mehr als Nichts. Darüber hinaus kann Militanz als im richtigen Kontext nicht integrierbarer, symbolischer Ausdruck, als Spektakel gegen das staatliche Gewaltmonopol Marketing für
radikale Gesellschatskritik sein.
Der riot ist dabei aber nur so gut, wie die Organisierung dahinter, die solche Bilder und Events in Kontinuität umsetzt. Ohne die in Kaufnahme eines gewissen individuellen Risikos ist eine progressive Veränderung der Gesellschaft ohnehin nicht denkbar. Gleichwohl plädieren wir dafür auch hier die Verhältnismäßigkeit im Blick zu behalten, d.h. dass mit Märtyrern niemandem geholfen ist.