Patriarchale Herrschaftsverhältnisse sind älter als der Kapitalismus

Phase 2.49 - Herbst 2014

Theorie.Organisation.Praxis (TOP B3rlin) versteht sich als linksradikale Gruppe, die ihre Wurzeln in der Antifa hat, und ist Teil des kommunistischen » …umsGanze!« Bündnisses (uG!). Für einige überraschend hat sich TOP in diesem Jahr vermehrt zu feministischen Themen geäußert. Susanne Fischer, Phase 2 Redakteurin und politisch organisiert im afbl (Antifaschistischer Frauenblock Leipzig), traf sich im virtuellen Raum mit zwei VertreterInnen der TOP um über Feminismus, Gesellschaftskritik und Antifa zu diskutieren.

Phase: Ihr habt in diesem Jahr zum 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, unter dem Motto Reclaim the F_Word zu einer Demo aufgerufen. Wie kam es dazu? Und warum habt ihr euch für dieses traditionelle Datum entschieden?

Sophie: Wir haben uns in den letzten Jahren in der Gruppe immer wieder mit den Themen Feminismus, Geschlechterverhältnisse und Care-Arbeit auseinandergesetzt; beispielsweise auf dem letzten uG!-Kongress in Berlin mit Transformationsprozessen von Geschlechterverhältnissen, Rassismus und Kapitalismus in der Krise. Im Rahmen der Proteste gegen den Ball des Wiener Korporationsrings haben wir  Retraditionalisierungstendenzen von »Geschlecht« als Element reaktionärer Krisenlösungsstrategien diskutiert. Es gibt bei uns zudem Einzelpersonen, die auch in anderen Zusammenhängen theoretisch und praktisch zu  diesem Themenkomplex gearbeitet haben und arbeiten.
Dass sich in Berlin ein breites Bündnis zur Repolitisierung des 08. März als Frauenkampftag gegründet hat, fanden wir gut und wichtig. Wir sind zu den Bündnistreffen gegangen und haben dort versucht, linksradikale Positionen einzubringen und das Bündnis aus dieser Richtung zu erweitern. Das bot uns auch die Möglichkeit, unsere bisher vor allem theoretische Beschäftigung in einen politischen Prozess einzubringen.

Phase: In einem Beitrag für die jungle world, im Grunde eine gekürzte Version des Demoaufrufs, habt ihr eure Positionen zu Feminismus ein wenig erläutert. Ihr konstatiert, dass Feminismus Mainstream sei und sich deshalb kaum für radikale Kritik eigne. Mal abgesehen davon, dass ich die Grundaussage bezweifel: Würdet ihr das selbe zu anderen Themen sagen? Gegen Nazis zu sein, ist ja zum Beispiel wirklich Mainstream. Erübrigt sich denn damit Anti-Nazi-Politik für Linksradikale?
Und: Kann nicht das Einsickern von feministischen Positionen - wenn auch weicher gespült - in die sogenannte gesellschaftliche Mitte als Erfolg statt als Grund zur Kapitulation gewertet werden?

Toni: Der Titel unseres Aufrufes – Reclaim the F-Word! – impliziert bereits, dass wir es für notwendig halten, am Feminismus-Begriff festzuhalten. Uns ging es mit der Zuspitzung an dieser Stelle darum, auf die Wechselwirkung von bestimmten feministischen Positionen mit staatlichen Politiken (Stichwort Gender Mainstreaming) und den Anforderungen des postfordistischen Akkumulationsregimes hinzuweisen.

Sophie: Für einen radikalen Antifaschismus gibt es ja ganz ähnliche Probleme - zumal seit dem sogenannten Antifa-Sommer 2000. Es reicht eben nicht, gegen Nazis zu sein! Solange Antifaschismus nicht die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen von Neonazismus zu überwinden sucht, bleibt er doch beschränkt. Das gleiche gilt, denken wir, auch für den Kampf gegen herrschende Geschlechterverhältnisse. Natürlich ist uns bewusst, dass es immer noch und immer wieder starke antifeministische Kräfte gibt, die es auch als radikale Linke auf allen Ebenen zu bekämpfen gilt. Genau deshalb sind wir ja in ein breites Bündnis gegangen: Weil wir das Ziel des Bündnisses unterstützen, feministische Kämpfe zu stärken, und gleichzeitig eine antikapitalistische und antirassistische Perspektive einbringen wollten und konnten. Unser Text verstand sich dagegen primär als eigene Positionierung innerhalb der linken Szene; deshalb die Veröffentlichung in der Jungle World. Eine solche Positionierung von uns empfanden wir als notwendig und längst überfällig und freuen uns sehr über die Diskussionen, die daraus entstanden sind.

Phase: Schon der Begriff »reclaim« sagt ja aus, dass ihr ihn zurückgewinnen möchtet. Und ihr sagt, dass es euch um eine Positionierung innerhalb der Linken gehe. Für jemanden, die sich schon länger mit feministischer Gesellschaftskritik beschäftigt, wirkt euer Artikel recht geschichtslos. Ihr nehmt kaum auf vorherige Diskussionen in der (radikalen) Linken Bezug. Und stellt Forderungen auf, die andere seit Jahren in der Antifa formulieren. Nur, dass ihr so rüber kommt, als wäre euch das jetzt mal eingefallen. Ich vermute, diese Kritik haben schon andere an euch herangetragen. Was sagt ihr dazu?

Sophie: Uns ist bewusst, dass feministische Positionen und Kämpfe auf eine lange Geschichte in und außerhalb der radikalen Linken zurückblicken. An diese knüpfen wir auch an. In der langen Fassung des Artikels wird das deutlich. Darin nehmen wir Bezug auf die Entstehung des 08. März als Arbeiterinnnenkampftag, auf den Black Feminism, uvw. In einer Veranstaltung zum 08. März haben wir zusammen mit der Queerfeminismus AG der Interventionistischen Linken einige dieser Bezüge auf bestimmte radikale feministische Positionen ausführlicher diskutiert. Unser Anliegen war dabei auch, diese Traditionen in den eigenen Zusammenhang ganz praktisch zurückzutragen. Es sollte, denken wir, keine - zumindest keine absolute - Arbeitsteilung zwischen feministischen und antikapitalistischen Gruppen geben, weil beides für eine emanzipatorische Politik zusammengehört.

Phase: Ich würde sagen, dass dieses Bewusstsein, um die lange feministische Intervention innerhalb der Linken, in eurem Text nicht gerade deutlich wird. Vielleicht kommen wir ja darauf zurück. Ich würde gerne mehr über eure feministischen Positionen wissen. Ihr sagt bzw schreibt: »Ein radikaler Feminismus sollte (...) nicht nur antikapitalistisch, sondern auch antinational und gegen den Staat gerichtet sein.« Habt ihr Beispiele für feministische Forderungen, die - jenseits der Nennung von Schlagworten - diesen Maßstab erfüllen?

Toni: Selbstverständlich nicht. Radikaler Feminismus stellt unserer Meinung nach auch nicht primär Forderungen, sondern versucht, die patriarchialen Herrschaftsverhältnisse in ihrem Zusammenhang – also u.a. von Staat und Kapital–  - adäquat zu analysieren und praktisch anzugreifen.

Phase: Gut, dann reformuliere ich: Habt ihr Beispiele für feministische Politik, die - jenseits der Nennung von Schlagworten- diesen Maßstab erfüllt?

Toni: Die Geschichte des radikalen Feminismus ist voll von solchen Versuchen: die „Forderung“ Lohn für Hausarbeit! in den 1970er Jahren versuchte, einen (anti-)politischen Hebel zu finden, der die geschlechtliche Arbeitsteilung im Fordismus sichtbar macht, politisiert und praktisch zu überwinden sucht. Auch die Fantifa-Bewegungen in den 1990er-Jahren wollte die Geschlechtsblindheit des »revolutionären Antifaschismus« - theoretisch wie praktisch - problematisieren, feministische Räume schaffen und das Geschlechterverhältnis als zentralen Bestandteil der eigenen Analyse etablieren.

Sophie: Oder der Black Feminism in den USA. Er wies auf die Verknüpfung unterschiedlicher struktureller Herrschaftsverhältnisse hin und hat diese einer radikalen Kritik unterzogen. So lange es den Feminismus gibt, gab es die Auseinandersetzung darum, inwiefern dieser auch antikapitalistisch sein muss. Dieser Streitpunkt ist also keineswegs neu.

Phase: Genau deshalb versteh ich auch nicht, warum ihr so wenig Bezug nehmt und der Aufruf eher im Ton von »jetzt ist es mal Zeit, den Feminismus zu politisieren« geschrieben ist. Gerade, wenn man sich die TOP und umsGanze ansieht, scheint es radikaler und notwendiger, ihr würdet sagen: Eine radikale Gesellschaftskritik sollte nicht nur antikapitalistisch und antinational, sondern auch feministisch sein. Die Kategorie Geschlecht spielt in euren Texten/Analysen eher eine untergeordnete Rolle. Oder?

Toni: TOP/uG! hat sich vor dem Hintergrund verkürzter Kapitalismuskritik in der Linken in den ersten Jahren seines Bestehens viel mit einer radikalen Form- und Ideologiekritik des Zusammenhangs von Ware, Geld, Kapital und Arbeit auseinandergesetzt. Geschlecht als Strukturkategorie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist dabei tatsächlich oft hinten runter gefallen - wie das im Großteil des Marxismus über Jahrzehnte hinweg der Fall war und in seinen Überbleibseln teilweise immer noch ist.

Sophie: Gegenwärtig arbeiten verschiedene uG!Gruppen an dem Thema: Die Basisgruppe Antifaschismus in Bremen zu Reproduktion oder die Radical M aus Göttingen konkret zur Gesundheitspolitik. Beide waren am Care Revolution Kongress diesen März in Berlin beteiligt. Auch auf der Ebene der Ideologiekritik beschäftigen wir uns  verstärkt mit dem Thema.Wir denken, dass gerade eine Veränderung statt findet, nämlich dass die Kritik an Geschlechterverhältnissen eine zunehmend größere Rolle bei uG! spielt. Das hat mit der sich bei uns - vergleichsweise spät - durchsetzenden Erkenntnis zu tun, dass moderne Herrschaft nicht ohne ein derartiges Verständnis erklärbar ist.
Dazu bedarf es einer ständigen Reflexion der eigenen politischen Analyse auf der einen und der eigenen Arbeitsweisen als Politgruppe auf der anderen Seite.

Phase: In euren bisherigen Texten bindet ihr das Geschlechterverhältnis notwendig an das kapitalistische System. Wenn es auch nicht so platt formuliert ist, klingt da doch die alte Nebenwiderspruchsthese an. Ist für euch eine kapitalistische Gesellschaft ohne hierarchisches, bzw. patriarchales, Geschlechterverhältnis denkbar? Oder wirkt das Geschlechterverhältnis vorrangig innerhalb der ökonomischen Konkurrenz?

Toni: Wir gehen davon aus, dass in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ein widersprüchlicher Zusammenhang von Geschlechterhierarchien und dem Kapital-Verhältnis besteht. Wie sich dieser Zusammenhang darstellt, diskutieren wir gegenwärtig.

Sophie: Diese Zusammenhänge, das können Widersprüche, Verstärkungen oder Wechselwirkungen sein, gilt es sich genau anzuschauen. Das kann man, wie es von vielen Theoretiker_innen dargestellt wurde, für die Genese der modernen bürgerlichen Gesellschaftsformation und die Herausbildung des kapitalistischen Akkumulationsregimes, für die Transformationen, die seitdem stattgefunden haben, und für ihre aktuelle Geltung machen. 

Toni: Patriarchale Herrschaftsverhältnisse sind älter als der Kapitalismus. Aber das Geschlechterverhältnis, wie wir es heute in den kapitalistischen Zentren vorfinden, hat sich wesentlich mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus ausgeformt, entlang gewaltsam durchgesetzten und aufrecht erhaltenen Formen und Trennlinien – Privateigentum und Staat, Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit, Recht und Liebe. Sie bilden einen Zusammenhang, der nicht von einer Seite her abzuleiten ist. Das heißt auch: Die vielfältige Formen von Sexismus, lassen sich nicht durch das Kapitalverhältnis alleine erklären.

Phase: Ich gehe mit eurer Einschätzung d'accord, dass eine emanzipatorische Gesellschaftsanalyse weder das Kapital- noch das Geschlechterverhältnis vernachlässigen sollte. Wenn aber - und gerade ist das Stichwort Sexismus gefallen - das hierarchische Geschlechterverhältnis ein gesellschaftliches Gewaltverhältnis ist, das sich nicht hinreichend durch den Kapitalismus begründen lässt, ist dann nicht eine Fokussierung auf patriarchale Verhältnisse eine legitime feministische Politik? Klar, damit ist noch kein globaler Kommunismus geschaffen, aber ein Ende von Sexismus wäre doch schon ein Schritt zu einem schöneren Leben. Oder?

Sophie: Klar, theoretisch schon! Wie und ob das praktisch geht, darüber sind wir unsicher. Problematisch wird es auf jeden Fall da, wo feministische Positionen mit reaktionären Tendenzen zusammenwirken, oder sogar selbst sexistisch Effekte zeigen, und diese legitimieren.
Einmal wären da Positionen zu nennen, die man vielleicht als „Elitenfeminismus“ bezeichnen könnte, ein Diskurs, der besonders Mitte der 00er Jahre stark war. Zugleich lässt sich fragen, ob angesichts antifeministischer Diskurse und des Erstarkens von Retraditionalisierungsideologien derzeit hier überhaupt der zentrale Ort der Auseinandersetzung zu suchen ist oder ob eine Kritik nicht selbst Gefahr läuft, Doppelstandards einzuführen und eine antifeministisch Wendung zu bekommen. Diese Widersprüchlichkeiten muss, denken wir, eine feministische radikale Linke dann aushalten und bearbeiten.

Toni: Zum anderen wäre da ein paternalistischer "Anti-Kopftuch-Feminismus" zu nennen. Er befeuert den antimuslimischen Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft und verdeckt im Zweifelsfall die massive strukturelle Benachteiligung migrantischer und postmigrantischer Frauen in Deutschland.

Phase: Mit dem letzten Beispiel würden wir noch ein ganz neues Thema beginnen. Deshalb gehe ich darauf hier nicht näher ein. Zum Abschluss, würde ich gerne noch wissen. Inwiefern sich - nach eurer Einschätzung - die hier diskutierten feministischen Positionen bei TOP oder auch bei umsGanze insgesamt durchsetzen. Werdet ihr zukünftig alle eure Texte mit Sternchen und Unterstrich schreiben? Auch wenn das sicherlich nur ein Ausdruck inhaltlicher Diskussionen ist. Gibt es innerhalb der Gruppen auch vehementen Widerstand? 2009 in der Broschüre Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit war eine feministische Position ja zum Beispiel doch eher unsichtbar.

Sophie: Was die Staatsbroschüre angeht: Ja, dass ist eine der Leerstellen!

Toni: Geschlechterverhältnisse kommen in der uG!-Staatsbroschüre vor (Kapitel 14), werden allerdings mehr oder weniger „objektivistisch“ mit der gesellschaftlichen Sphärentrennung von Produktion und Reproduktion identifiziert. Der Reproduktion wird dabei nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet. Was es für die Anlage unserer Formkritik insgesamt bedeuten würde, wenn sie diesen Aspekt systematisch einbeziehen würde, fangen wir gerade erst an zu diskutieren. Was zudem in der Staatsbroschüre weitgehend fehlt ist die Dimension vergeschlechtlicher Subjektivitäten. Der Anspruch hier weiterzudenken ist bei uG! Konsens.
Das Sichtbarmachen von Vergeschlechtlichung auch in der Sprache (etwa durch Sternchen oder Unterstriche) finden wir richtig. Das kann in bestehende Diskurse intervenieren - da müssen wir auch selbst sensibler werden. Vor dem Hintergrund eines materialistischen Verständnisses von Herrschaftsverhältnissen und ihrer Reproduktion, das heißt eben auch der Geschlechterverhältnisse, reicht das aber nicht aus.

Sophie: Möglichst diskriminierungsfreie Sprache ist sinnvoll, gleichzeitig denken wir nicht, dass ein verwenden des »richtigen« Sprachgebrauchs ausreichend etwas darüber aussagt, wie feministisch die Position an sich ist und ob sich in den Köpfen und Praktiken tatsächlich etwas verändert hat.

Phase: Nach den Geräuschen, die ich über meinen Balkon höre, hat Deutschland wohl gerade gegen Frankreich gewonnen. Schade. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt an diesem sehr heißen Freitagabend.

Der Aufruf der Gruppe TOP B3rlin zum Frauen*kampftag 2014 findet sich hier.

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