Wenn's mal wieder länger dauert...

"Der kommende Aufstand", die K-Frage und wir
Mitschnitt der Diskussionsveranstaltung am 10.02.2011 im Festsaal Kreuzberg

Das französische Manifest "Der kommende Aufstand" gilt dem hiesigen Feuilleton längst als das vielleicht wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit (FAS). Zwar landete die Vorsitzende der Linkspartei sofort am Pranger, als sie unaufgefordert über 'Kommunismus' nachdachte. Im literarischen Gewand darf es aber ruhig ein bisschen mehr sein: Das ausdrückliche Versprechen, die krisenhafte, in ihren Sachzwängen gefangene Gesellschaft von Staat und Kapital mit großem Knall verschwinden zu lassen. Denn die spätbürgerlichen Utopien haben sich abgelebt. Übrig ist nur die beklemmende Gewissheit, dass wir uns bis ans Ende aller Tage krumm machen müssen für Karriere, Chef(in) und Standort. Dann wenigstens mit ein bisschen riot-flavor zum Frühstück.

Die radikale Linke begegnet dem Text meist skeptischer. In seiner unversöhnlichen Rhetorik erkennt sie fragwürdige Sehnsüchte nach Gemeinschaft und Apokalypse. Und Phrasen, wo es ums Ganze geht, um die Ordnung der gesellschaftlichen Arbeit. Dennoch ist "Der kommende Aufstand" ein Ereignis. Nach Jahrzehnten kapitalistischer Offensive geht es zum ersten mal wieder öffentlich und in praktischer Absicht um das erste Gebot des Humanismus: "alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein verächtliches und geknechtetes Wesen ist" (Marx).

Die fortdauernde Krise hat weltweit die Regime politischer und ökonomischer Macht ins Wanken gebracht. Deutschland sucht sein Heil als hyperproduktive Leistungsgesellschaft, und lässt seine Unterschichten mit Einsatz und Gefügigkeit um nationale Anerkennung konkurrieren. Die Stigmatisierung von Erwerbslosen und Migrant_innen sichert nicht zuletzt die 'Integrationsbereitschaft' aller Übrigen. Auch in vielen anderen europäischen Staaten macht sich Bunkermentalität breit: Milliardenkredite und brutale Sparpolitik sollen die 'Marktordnung' stabilisieren, und wo es überhaupt Krisenproteste gibt, bleiben sie wirkungslos. Im gleichen Augenblick aber brechen arabische Diktaturen unter spontanen 'leaderless revolutions' zusammen. Im Moment der Entscheidung scheren sich die Leute anscheinend einen Dreck um die herrschende Geschäftsordnung und ihre Funktionäre - vereint im Hass gegen die Polizei in Uniform und in den Köpfen. Doch bleibt die größte nicht weiterhin seine eigene Krisendynamik? Der universelle Verwertungszwang lässt sich nicht 'nachhaltig' organisieren, und irgendwann auch nicht mehr technokratisch und autoritär.

Das ist der Hintergrund, vor dem wir "Der kommende Aufstand" gelesen haben. Wir wollen einige Thesen zur Diskussion stellen, zum Text selbst, zu seiner bisherigen Bewertung, und zur Frage, was zu tun ist. Neben aller nötigen Kritik werden wir auch seine brauchbaren Motive ausarbeiten. "Der kommende Aufstand" wurde kurz vorgestellt, dem folgten knappe Inputs mit anschließender Diskussion.