Robert Kurz und Kornelia Hafner sind gestorben

Als der Realsozialismus implodierte und auch die deutsche Linke zutiefst verunsichert zurückließ, vertrat Robert Kurz eine Gewissheit, niedergeschrieben im ‘Kollaps der Modernisierung’: Der Realsozialismus folgte als staatliches Akkumulationsregime nachholdender Modernisierung derselben Verwertungslogik wie sein kapitalistischer Konkurrent. Beide ereilt darum, spätestens nach dem Ende des kurzen fordistischen Sommers, dieselbe krisenhafte Dynamik. Nur dass der kapitalistische Westen sich durch eine kreditfinanzierte Defizitär-Konjunktur und die Techniken des Finanzkapitalismus noch einmal Luft verschaffen konnte.

Auch wenn Robert Kurz letztlich dieselbe objektive Arbeitswertlehre vertrat wie der von ihm kritisierte „Arbeiterbewegungsmarxismus“ und der Marxismus-Leninismus (und sie eher unter negative Vorzeichen gestellt hat), so hat er doch die Krise der kapitalistischen Verwertung auf die Krise der kapitalistischen Verwertung zurückgeführt. Sie aus politischen Kräfteverhältnissen, aus der Hegemonie des Gegners oder der Politik des Neoliberalismus herzuleiten, war seine Sache nicht.

Die Kritik, die er im Zuge dieser Krisentheorie gegen die emphatischen Erwartungen an die Arbeit und die Arbeiterklasse, gegen die Arbeiterbewegung und den Klassenkampf richtete – etwa in dem Pamphlet ‘Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit’ – war zwar nicht unbedingt neu, genau wie die Kritik am Politizismus und an der Bewegungslinken. Vieles davon war schon Ende der 70er Jahre im Zuge des Niedergangs der Studierendenbewegung und der K-Gruppen aufgetaucht. Gleichwohl hatte seine Kritik bereinigende Wirkung, nicht zuletzt weil sie entschiedener vorgetragen wurde als zuvor und maßgeblich zu einer post-realsozialistischen Politisierung und Neuorientierung beitrug.

Die Rede von einer unausweichlichen „finalen Schranke“ des Kapitals allerdings hat ihm vor allem Spott eingebracht. Regelmäßig wurde gefragt, wann es denn „mit dem Zusammenbruch“ soweit sei. Und bekanntlich hat es diesen Zusammenbruch des Kapitalismus bislang nicht gegeben. Dafür sind Begriffe wie „Casino-Kapitalismus“, „fiktives Kapital“ oder die „Entkoppelung des (Finanz-)Kapitals von der Realökonomie“ – Begriffe, die außer ihm damals kaum jemand verwenden mochte – mittlerweile in aller Munde. Und auch wenn zurzeit vielleicht nicht gleich der Kapitalismus am Zusammenbrechen ist, wie von Robert Kurz diagnostiziert, so wirkt doch zumindest der Markt-Radikalismus des Neoliberalismus ähnlich altersstarrsinnig und untot wie der Realsozialismus in seinen letzten Jahren.

Dass Robert Kurz, der mitunter seinerseits recht starrsinnig sein konnte, unbeirrt auf einer unverfügbaren Eigenlogik des Ökonomischen bestand, wird vielleicht das Bleibende seiner „radikalen Wertkritik“ sein. Sie hat jedenfalls Wirkung hinterlassen, auch bei Genoss_innen unserer Gruppe. Und auch wenn wir uns einer „finalen Schranke der Verwertung“ nicht sicher sind, so hätten wir uns gleichwohl gern, wie zuletzt auf der Marx-Herbstschule 2010, von ihm weiterhin eines Besseren belehren lassen.

Nach Fertigstellung dieses Nachrufs hat uns eine weitere traurige Nachricht erreicht: Kornelia Hafner ist gestorben. Vielen sicher weniger bekannt als Robert Kurz und in ihrem offenen, zurückhaltenden Auftreten von ganz anderer Art, hat sie in vergleichbarer Weise zur Erneuerung einer an Marx orientierten Gesellschaftskritik beigetragen, vor allem im Rahmen der Marx-Gesellschaft. Ihr Aufsatz ‘Gebrauchswertfetischismus’ ist eine der besten Kritiken an den gebrauchswertfetischistischen Vorstellungen der Linken überhaupt, erschienen in einem der besten deutschsprachigen Sammelbände zum Zusammenhang von Gesellschafts- und Erkenntniskritik. Das war auch der Grund, warum wir sie zur letzten Marx-Herbstschule zu diesem Thema eingeladen haben.

Gerade die Generation, die in den für radikale Kapitalismuskritik bleiernen 90er Jahren politisiert wurde, war auf die unbeirrte Theoriearbeit der wenigen angewiesen, die noch die Erfahrungen und Diskussionen des Aufbruchs von 1968 und der 70er Jahre mitbrachten, aber auch für deren Aufarbeitung sorgten. Sie haben uns in den Zeiten des „alternativlosen“ Kapitalismus gezeigt, dass es die Kapitalismuskritik ist, zu der es keine Alternative gibt.

Der Tod von Robert Kurz und Kornelia Hafner ist für uns daher so inakzeptabel wie der Tod überhaupt:

Einvernehmen mit dem Tod ist Einvernehmen mit dem Herrn über den Tod: der Polis, dem Staat, der Natur oder dem Gott.
(Herbert Marcuse)

TOP B3rlin, im Juli 2012